Ich will doch nur spielen

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Die Maschine will Futter und der Spieler den Kick. Ständig.

Offenbach ‐ „Dallas“ hat er immer gemocht, davon geträumt, dass sein Leben so leicht sei wie das von J.R. Ewing. Der Öl-Multimillionär aus der US-Seifenoper, der einfach so das Scheckbuch zückt und kurz eine Summe draufkritzelt, wenn Geld gebraucht wird. Von Kathrin Rosendorff

Und dann hatte J.R. auch diese schönen zwei Frauen und viele Kinder“, sagt Peter, 61. „Das wollte ich auch immer.“ Er lacht kurz auf. Sein eigenes Vermögen und Familienglück hatte er fast verspielt. Am Geldspielautomaten. Zwei Jahre lang war er spielsüchtig.

Alle hat er betrogen: Seine Frau, seine Tochter, seine Arbeitskollegen. „Und das Schlimmste war, ich habe mich selbst verraten“, betont er. „Als Spieler hat man eine Arbeitszeit von 24 Stunden und das sieben Tage die Woche.“ Selbst im Schlaf klingelten die Münzen. „Nach außen war ich der biedere Angestellte. Meine Kollegen habe ich ständig kontrolliert, dabei habe ich mich selbst nie an die Regeln gehalten. Sogar Geld habe ich gestohlen“, erzählt Peter, der in Wirklichkeit anders heißt.

Er habe immer schon gerne Grenzen überschritten und von einem glamourösen Leben geträumt. Alkohol, Sex, er glitt von einer Sucht in die andere und irgendwann war er dann spielsüchtig. An den auslösenden Moment erinnert er sich nicht.

Selbst seine Tochter hätte für ihn gelogen

Während des Spiels war ich in meiner eigenen Welt. Ich hatte die Fantasie, total glasklar zu sein. Alles andere war vergessen.“ Überhaupt sei es beim Spiel mit der Zeit immer weniger ums Geldgewinnen gegangen. „Den wirklichen Kick hat mir mein Doppelleben gegeben.“

Selbst seine Tochter hätte für ihn gelogen, wenn er die Arbeit schwänzte. „Der Papa ist krank, hat sie gesagt.“ Und irgendwann: „Papa, ich hab dich lieb, aber mir gefällt nicht, was du tust.“ Die Worte habe er immer noch im Ohr. „Mir war nichts mehr heilig, ich habe sogar das Sparschwein meiner Tochter mit einem Messer geknackt“, so Peter. „Ich war wie ein Junkie, der Stoff braucht.“

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Seine Frau habe nie nachgefragt. „So nach dem Motto, was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Sie wollte einfach unsere heile Welt nach außen aufrecht erhalten. Und so hat sie immer meine Schulden gedeckt.“ Doch irgendwann war auch sie am Ende. „Ich kapituliere, hat sie mir gesagt. Ich kontrolliere dich nicht mehr.“ Auch sein Chef setzte ihn unter Druck. Peter hatte Existenzangst und Selbstmordgedanken. Erst dann kam die Läuterung. Er ging in eine Selbsthilfegruppe. „Am Anfang dachte ich, dann könnte ich lernen ‚kontrolliert‘ zu spielen. So ein Quatsch.“ Seit 20 Jahren ist er nun spielfrei. „Jedes spielfreie Jahr feiere ich wie einen Geburtstag.“ Immer noch besucht er jede Woche die Selbsthilfegruppe. Zur Prävention. „Bis heute lasse ich meine Finger sogar von Gesellschaftsspielen.“ Angst habe er nicht mehr, aber zuviel Respekt, sein Lebensglück nochmal aufs Spiel zu setzen.

Quelle: op-online.de

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