„Wir reden über ein Grundrecht“

DGB-Chef Körzell verteidigt Warnstreiks am Flughafen

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Streikende Sicherheitsmitarbeiter am Frankfurter Flughafen – für DGB-Landeschef Körzell ein notwendiges Übel.

Offenbach - Der Warnstreik der Sicherheitskontrolleure am Frankfurter Flughafen hat vor einer Woche für Chaos gesorgt – darf die Gewerkschaft das riskieren? Hessens DGB-Chef Stefan Körzell hält Kritikern entgegen, dass Streik immer das letzte Mittel ist – die Arbeitgeber könnten auch ordentlich verhandeln.

Mit ihm sprach unsere Wiesbadener Korrespondentin Petra Wettlaufer-Pohl.

Herr Körzell, haben Sie schon einmal erlebt, dass sich eine Gewerkschaft für einen Warnstreik entschuldigt, so wie Verdi es jetzt in Frankfurt getan hat? 

Die Gewerkschaft Verdi hat sich nicht für den Streik entschuldigt und auch nicht bei den Arbeitgebern. Sondern bei den Fluggästen, für die das natürlich mit Ärger verbunden war. Es war eine Geste ihnen zu sagen, dass der Warnstreik dem Anliegen der Arbeitnehmer diente und dass das auf einem Flughafen nun einmal nicht ohne Unannehmlichkeiten für die Fluggäste geht.

Ob Flughafen, Busverkehr oder Bahn – mit Streiks dort sind sozusagen immer die Falschen die Leidtragenden. 

Sicher, dort wo es um personenbezogene Dienstleistungen geht, ist die Betroffenheit besonders groß. Aber das kann doch nicht ernsthaft zu einer Forderung wie der von Lufthansa führen, die Politik müsse das Streikrecht einschränken, damit der Flughafen funktioniert.

Ist das überhaupt vorstellbar? 

Manche vergessen offensichtlich, dass wir hier über ein Grundrecht reden. Jede Änderung würde eine Verfassungsänderung bedeuten. Würden sich die Arbeitgeber bewegen, müsste es nicht zu Streiks kommen. Anders als in anderen Ländern ist bei uns Streik das letzte Mittel, das wir sehr zögerlich einsetzen. Deutschland ist bestimmt kein streikwildes Land.

Gleichwohl hatte der Warnstreik in Frankfurt recht massive Folgen, war das absehbar? 

Die Arbeitgeber hätten durchaus vorgewarnt sein können. In Düsseldorf hat man 2013 ein Verhandlungsergebnis erzielt mit einem Stundenlohn von 14,70 Euro. In Frankfurt liegt der Höchstsatz bei 11,70 Euro, das motiviert natürlich.

Dass so gut wie kein zertifiziertes Sicherheitspersonal mehr vorhanden war, lag auch am Streik der Nichtorganisierten. Ist das eine neue Tendenz? 

Wir erleben immer wieder, dass auch Nichtorganisierte Streiks unterstützen, um ihren Kollegen nicht in den Rücken zu fallen. Das zeigt auch, wie verärgert die Kollegen sind. Mit 11,70 Euro kann man im Rhein-Main-Gebiet allein schlecht und mit Familie praktisch gar nicht leben. Leider ist in der öffentlichen Debatte nach meinem Gefühl das Verständnis bei anderen Berufsgruppen größer als für das Sicherheitspersonal, das wichtig ist für einen Flughafen. Im Übrigen: Die Kontrollen erfolgen im Auftrag der Bundespolizei, die Arbeit ist ausgelagert und privatisiert worden, um damit den Beschäftigten weniger Gehalt zahlen zu können. Auch das sollten Fluggäste bei allem nachvollziehbaren Ärger bedenken.

Wegen Warnstreik: Chaos am Flughafen

Wegen Warnstreik: Chaos am Flughafen

Viele Arbeitgeber verlassen ihre Verbände, um unabhängig von Tarifverträgen zu sein. Gibt es deshalb weniger Streiks? 

Auch bei Verhandlungen der Haustarifkommissionen über Haustarife kann natürlich gestreikt werden, wenn die Gewerkschaften das Gefühl haben, dass die Verhandlungen festgefahren sind und die Arbeitnehmer der jeweiligen Betriebe dazu bereit sind.

Was sagen Sie denen, die meinen, Deutschland gehe es doch gut, es gebe annähernd Vollbeschäftigung, wozu dann noch meckern? 

Wir haben in Deutschland zehn Jahre lang Reallohnverluste gehabt. Wir sagen, dass die Löhne jetzt endlich wieder auch real steigen müssen. Anders kann der private Konsum die Wirtschaft nicht ankurbeln.

Quelle: op-online.de

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