„Wir sind keine Teppichverkäufer“

Pfarrer Bertram von der Jugendkulturkirche. Im Hintergrund wird gerade ein Konzert im Hauptschiff vorbereitet. - Fotos: Faust

Frankfurt - Johanna van der Heydt besucht nicht oft einen Gottesdienst. Die 26-Jährige Studentin der evangelischen Theologie geht trotzdem jede Woche in die Kirche. Von Domenico Sciurti

Dort berät sie Kinder und Jugendliche, wenn die Probleme haben – nicht von Person zu Person, sondern über E-Mails. Die Online-Seelsorge ist ein Angebot der evangelischen Jugendkulturkirche Sankt Peter in Frankfurt an der Bleichstraße 33.

„Ich möchte praktische Erfahrungen sammeln“, sagt Johanna. „Und etwas Gutes tun.“ In Sankt Peter würden Werte vermittelt, die es woanders nicht mehr gebe. Das schätze sie sehr. Doch mache sie die ehrenamtliche Arbeit nicht, weil sie an Gott glaubt. „Jeder hat eine eigene Vorstellung vom Glauben“, ist ihre Überzeugung. Johanna sieht sich nicht als „Otto-Normal-Gläubige“.

Seit Jahren sinkende Mitgliederzahlen

Die Kirchen, evangelisch wie katholisch, beklagen seit Jahren sinkende Mitgliederzahlen: Gehörten in Deutschland 2007 noch 24, 8 Millionen Menschen der evangelischen Kirche an, schrumpfte die Glaubensgemeinschaft bis 2011 um mehr als eine Million auf 23, 6 Millionen Mitglieder. Bei den Katholiken läuft es ähnlich: Von 25,4 Millionen im Jahr 2007 blieben vier Jahre später 24, 4 Millionen Mitglieder. Die Verantwortlichen in den Glaubensgemeinschaften kritisieren, dass der Mensch immer mehr konsumieren wolle und den Sinn für Gemeinschaft verloren habe.

Dass Menschen aber generell weniger glauben, denkt Holger Kamlah, Pfarrer und Vorstandsmitglied des evangelischen Regionalverbandes Frankfurt, nicht. Vor allem nicht die jüngeren Generationen. „Wieso sollten sie sonst nächtelang vor Läden warten, um das neueste Handy zu ergattern.“ Kamlah lächelt, zwinkert belustigt. Für die sinkenden Mitgliederzahlen bei den Kirchen sei vielmehr der demographische Wandel hin zu immer weniger Jugendlichen verantwortlich. Junge Menschen könnten zudem aus viel mehr Angeboten auswählen wie vor 20 Jahren. Dadurch entstehe ein Verteilungskampf zwischen Glaubenshäusern, Vereinen und anderen Institutionen. „Unsere Aufgabe ist es, die Jugendlichen dort abzuholen, wo sie sind“, fügt Kamlah hinzu. „Wir wollen sie in einer modernen Sprache ansprechen und ihnen Verantwortung übertragen.“

Arbeit bei der Online-Seelsorge

Die Peterskirche von außen.

Sarah Engels arbeitet wie auch Johanna schon seit einem Jahr bei der Online-Seelsorge. Seit etwa drei Monaten betreut die 27-jährige Lehramts-Studentin einen neuen Fall: ein Mädchen mit Essstörung und Problemen in der Schule. „Ihre Eltern haben sich getrennt“, erklärt Sarah. Wie sich das Mädchen fühlt, kann Sarah gut nachvollziehen, denn auch ihre Eltern haben sich scheiden lassen. Die Hilfesuchenden schreiben anonym. Die eigenen Erfahrungen helfen bei der Arbeit, mit christlichem Glauben habe das allerdings nur wenig zu tun. „Helfen macht mich glücklich“, sagt sie. „Ich habe keine Liste, auf der draufsteht, was ich machen muss, um mich christlich zu verhalten.“ „In den meisten Gemeinden gibt es für Jugendliche nach der Konfirmation nur wenig Angebote“, sagt Pfarrer Bertram von der Jugendkulturkirche Sankt Peter. Das erschwere ihnen, sich an eine Glaubensgemeinschaft anzudocken. Erst mit der Geburt des eigenen Kindes kämen viele von selbst wieder zur Kirche zurück. Sankt Peter soll diese Zeit überbrücken. Deshalb sei die Jugendkulturkirche als Sammelpunkt für Kinder und Jugendliche von 14 bis 25 Jahren konzipiert worden, erläutert Bertram. Besucher müssten nicht unbedingt evangelisch sein. „Sankt Peter ist offen für Dich – unabhängig von Deiner Nationalität, Religion oder sexuellen Orientierung“, heißt auf der Homepage.

Sankt Peter liegt – für jeden gut zu erreichen – im Herzen Frankfurts. Was andere Gemeinden der Stadt nicht haben, weil Personal oder technische Ausstattung fehlen, versucht Sankt Peter anzubieten. Neben Gottesdiensten können junge Besucher im großen Hauptsaal der Peterskirche auch feiern, Theatervorstellungen und Kinofilme sehen, Konzerte besuchen, an Workshops und Vorträgen teilnehmen.

Mitmachen und das Verantwortung

Das Mitmachen und das Verantwortung übernehmen werden groß geschrieben. So organisieren die Heranwachsenden einmal im Monat einen Gottesdienst oder machen beispielsweise bei der Online-Seelsorge mit. Die wurde vor mehr als einem Jahr ins Leben gerufen. Wer sich um die Probleme anderer kümmern möchte, muss zunächst eine sechsmonatige Schulung absolvieren. Gibt es einen besonderen schwierigen Fall, beraten alle Seelsorger gemeinsam.

Dass alles in einem Raum stattfinde, sei für ein Kirchenhaus zwar ungewöhnlich, verdeutliche aber, dass bei Sankt Peter Glauben und weltliche Angelegenheiten zusammengehörten, meint Bertram. Dennoch müsse kein Besucher befürchten, nach einem Konzert oder während einer Party ein Gespräch über Gott und Religion führen zu müssen. „Was draufsteht, ist auch drin“, beteuert er.

Das Konzept geht auf

Das Konzept geht auf: Entgegen des bundesweiten Trends halten sich die Mitgliederzahlen der evangelischen Jugendlichen in Frankfurt konstant. Zwar traten etwa 600 Mitglieder bis 25 Jahre von 2010 auf 2011 aus, die Zahl sank also von 26 612 auf 26 037, doch stieg sie ein Jahr später wieder um zirka 400 auf 26 427 an. Er nutze jede Gelegenheit, um für seinen Glauben zu werben, aber „wir zwingen unseren Glauben niemanden auf“, sagt Pfarrer Bertram. „Es ist nicht meine Aufgabe, Glauben wie Teppiche zu verkaufen, sondern Menschen dazu zu bringen, dass sie über Gott nachdenken. Alles andere ist dann deren Sache.“

Weitere Informationen: www.sanktpeter.com.

Quelle: op-online.de

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