Wohin mit dem Kind?

Wohin mit Sohn oder Tochter, wenn die Schule aus ist? Diese Frage treibt viele Eltern um. Während im Vorschulalter das Betreuungsangebot verbessert wurde, sieht es in den Lebensjahren danach in Hessen vielerorts düster aus. Von unseren Redaktionen

Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung (Zahlen von 2010) zeigt, dass nur etwa jedes vierte Kind im Grundschulalter ganztägig betreut wird. Dies ist zwar etwas mehr als der Durchschnitt westdeutscher Bundesländer (21,4 Prozent). Hessen liegt aber deutlich unter dem Wert ostdeutscher Länder von 75,4 Prozent.

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Kommentar: Von Qualität kann keine Rede sein

Engelbert Jennewein, Sprecher der Lehrergewerkschaft GEW in Hessen, bezeichnet die Situation im Bundesland als „Flickschusterei“: „So sieht es doch aus: bis 13 Uhr Betreuung und Unterricht in der Schule, an drei von fünf Tagen in einigen Schulen pädagogische Mittagsbetreuung und evtl. die sogenannte Betreuende Grundschule, die die Eltern aber selbst zahlen.“ Die pädagogische Mittagsbetreuung sei bestenfalls ein Übergangsmodell; denn jeder Schüler könne maximal nur zweimal in der Woche für 60 Minuten eine Arbeitsgemeinschaft besuchen. Jennewein: „Wir wollen von Montag bis Freitag Betreuung und zwar bis 16.30 Uhr - wie es die Betreuenden Schulen vormachen.“ Beim Philologenverband heißt es: „Jede Schule soll selbst entscheiden, was für sie das Richtige ist.“ Die Teilnahme an Ganztagsangeboten soll für die Schüler freiwillig sein. Außerdem fordert der Lehrerverband, dass Ganztagsangebote eine angemessene personelle, räumliche und sächliche Ausstattung erhalten. „Schon bei den bisher realisierten Ganztagsangeboten sind oftmals räumliche Mindestanforderungen nicht erfüllt.“ Es müsse mehr Geld investiert werden.

Ach in Rodgau steigt die Nachfrage nach Betreuungsplätzen

Zur Situation im Rhein-Main-Gebiet - Beispiel Langen: Die Stadtverordneten haben jüngst die Zuschüsse für die Fördervereine der Grundschulen um rund 100.000 auf 513.000 Euro angehoben. Insgesamt war die Platzzahl an den fünf Grundschulen in diesem Schuljahr von 440 auf 491 erhöht worden. Da der Gesamt-Zuschussbetrag allerdings auf drei Jahre festgeschrieben ist, bekommt keiner der Vereine mehr Geld, wenn er in dieser Zeit weitere Plätze schafft. Einige Fördervereine haben bereits prognostiziert, dass sie zukünftig weiteren Bedarf haben, allerdings gibt es auch räumliche Engpässe, die die Ausweitung der Platzzahlen problematisch machen.

Beispiel Rodgau: Dort stehen rund 650 Betreuungsplätze für Schulkinder zur Verfügung. In vier der fünf Stadtteile gibt es ein bedarfsgerechtes Angebot. Die Nachfrage steigt allerdings seit Jahren kontinuierlich. In der Freiherr-vom-Stein-Schule im Stadtteil Dudenhofen nimmt bereits jedes zweite Kind die Betreuung in Anspruch. Da sich der Kreis Offenbach wegen seines hohen Haushaltsdefizits nicht mehr am Neubau von Betreuungsräumen beteiligt, muss die Stadt improvisieren. 2012 will der Magistrat deshalb eine Stadtteilbücherei schließen, um Platz für die Betreuung weiterer 50 Schulkinder zu schaffen. An jeder der sechs Grundschulen in Rodgau gibt es ein Betreuungsangebot, das vom Schulförderverein getragen wird. Zusätzlich werden 110 Schüler in vier Kinderhorten betreut. Nur an einer Schule gibt es echte Ganztagsklassen mit einer engen Verzahnung von Unterricht und Freizeitangeboten.

„Die Schulen sind auf Halbtagsbetrieb ausgelegt“

Beispiel Offenbach: Bürgermeisterin Birgit Simon verweist auf das „Offenbacher Ganztagsklassen-Modell“, bei dem Jugendhilfe und Schulen bereits in einigen Grundschulen kooperieren. Dort werde ganztägig Betreuung und Unterricht gemeinsam von beiden Fachdisziplinen konzipiert und angeboten. Simon: „Das ist unsere Antwort auf die Tatsache, dass die Betreuungsangebote für Schulkinder, wie sie landläufig in Hessen die Regel sind, aus unserer Sicht nicht ausreichen - weder mengenmäßig noch hinsichtlich der Qualität, denn Betreuung und Bildung sollten nicht zwei paar Schuhe sein.“ Das Modell soll ausgebaut werden. Nach Angaben der Bürgermeisterin kommt es aber zu Verzögerungen, weil „die Schulen auf Halbtagsbetrieb ausgelegt sind“ und die Infrastruktur, etwa Räumlichkeiten für Mittagessen oder Hausaufgabenräume, erst geschaffen werden müsse. Parallel werde auch die Hortbetreuung weiter ausgebaut, denn die Nachfrage sei vorhanden. Simon: „Fehlt das Betreuungsangebot nach der Einschulung, erleben Familien, die bisher Krabbelstube und Kindergartenbetreuung kannten und für die Erwirtschaftung ihres Lebensunterhalts auf gute und verlässliche Betreuungsangebote angewiesen sind, einen heftigen Bruch, der existenzbedrohend sein kann.“

Und was sagen die Eltern? Michael Brehm, Vorsitzender des Stadtelternbeirats in Offenbach, zur Forderung nach mehr Ganztagsbetreuung: „Intensiviert werden könnte dieses Angebot im Hinblick auf die Qualität - insbesondere durch Schulsozialarbeiter und bei der individuellen Betreuung bzw. Förderung.“

Quelle: op-online.de

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