„Wollte Winnetou eigentlich absagen“

Schauspieler Mario Adorf über Lieblingsrollen und seine aktuelle Tour

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Auf Abschiedstour: Mario Adorf.

Schauspieler, Hörbuchsprecher, kurz: ein Liebling der Deutschen. Das ist Mario Adorf. Der 88-Jährige kommt am 18. Mai auf „Zugabe“-Tour in die Alte Oper Frankfurt.

Frankfurt – Im Interview blickt Mario Adorf auf seine Karriere zurück, von den Anfängen in München bis zu seiner letzten Tour.

Ihre Tournee und ein Buch über Sie tragen den Titel „Zugabe“. Was bedeutet Ihnen die Zugabe?

Na ja, ich bin ja kein Popsänger. Aber ich habe einige Lese-Tourneen wie die bevorstehende gemacht, manche davon auch mit Band: Das Ende eines solchen Abends haben wir nicht „Zugabe“ genannt, sondern „Rausschmeißer“ (schmunzelt). Das war meistens „Goodbye Johnny!“

Wer sind Ihre Zuschauer?

Ich bin geprägt von meiner Theatervergangenheit und von meinen Anfängen in München. Da gab es den großen Regisseur Fritz Kortner, der viele ungewöhnliche Meinungen hatte – auch über das Publikum. Der sagte immer: „Misstrauen Sie dem Applaus des Publikum. Sie wissen ja nicht, wer da unten sitzt! Das sind vielleicht die gleichen Leute, die gestern einen Schwachsinn bejubelt haben und morgen eine Genietat auspfeifen werden.“

Verbindung zwischen Schauspieler und Publikum

Haben Sie den Rat beherzigt?

Es gibt Studien, die besagen, dass es eine Verbindung zwischen Schauspieler und Publikum gebe – das Atmen, der Herzschlag. Dem Zuschauer teile sich der gleiche Herzschlag mit oder der gleiche Atemrhythmus des Schauspielers. Ich habe das nie untersucht, denn ich wollte über meine Wirkung auf der Bühne nie so genau Bescheid wissen.

Warum?

Um der Routine zu entgehen. In dem Augenblick, in dem ich weiß, wie ich eine gewisse Wirkung erziele, bin ich verführt, diese für mich positive, schmeichelhafte Erfahrung abzurufen. Das ist nichts anderes als Routine – und Routine habe ich immer verachtet und vermieden.

Bereits während Ihres Theaterwissenschafts-Studiums haben Sie nicht nur Studententheater gespielt, sondern auch geboxt.

Für mich war das Boxen kein Sport, sondern Selbstverteidigung. Meine Mutter arbeitete nach dem Krieg als Schneiderin, wenn sie Kundschaft auf dem Lande hatte, habe ich die Ware ausgeliefert. Dafür gab es Geld und Naturalien – die waren das Wichtigste. Wenn ich zurückkam, war da eine Bande junger Burschen, die mich abpasste, mir das Gehamsterte wegnahm und mich verprügelte. So bin ich zum Boxen gekommen.

Um sich zu wehren...

Bin ich in die Boxschule – und die gleichen Burschen, die mich abpassten, waren da auch. Die haben mich mit Boxhandschuhen noch mal verkloppt und gesagt: Der kommt nicht wieder.

Dem war aber nicht so.

Ich kam wieder. Einen nach dem anderen habe ich mir vorgenommen und konnte mich mit der Zeit rächen. An der Uni in Mainz (dort studierte Adorf von 1950 bis 1952, Anmerkung der Redaktion) habe ich beides parallel gemacht – aber bei der Studentenbühne verschwieg ich, dass ich boxe. Und die Boxer wussten nichts von meinem Theaterspielen.

Auf den Theaterbrettern doch weniger schmerzhaft

Erinnern Sie sich an Ihren letzten Kampf?

Das war mein Endkampf im Schwergewicht der Universitäts-Boxmeisterschaft in Frankfurt 1952, der am gleichen Tag wie meine Theaterpremiere in Mainz stattfand. Ich wusste nur: Beim Kampf darf mir nichts passieren. Deshalb habe ich nichts riskiert – und nicht gewonnen. Das hat mich zuerst traurig gemacht, aber am Abend merkte ich, dass es auf den Theaterbrettern doch weniger schmerzhaft zugeht.

Sie haben auch Regisseuren wie Rainer Werner Fassbinder oder Volker Schlöndorff und dem „Neuen Deutschen Film“ eine Chance gegeben. Hatten Sie keine Sorge, Ihr Publikum zu irritieren?

Ich konnte damals die Haltung der alten Stars nicht verstehen, die sagten: Die Jungen können nichts. Die Einstellung der Jungen konnte ich aber auch nicht nachvollziehen, die sagten: Weg mit den Alten, die wollen wir nicht mehr sehen. Film muss sich weiterentwickeln. Nur dafür habe ich mich interessiert.

Schlöndorff hatte Ihnen in „Die verlorene Ehe der Katharina Blum“ nach Bölls Erzählung zunächst eine kleine Rolle angeboten.

Ich habe das Buch gelesen und gesagt: „Nein, der Kommissar Beizmenne ist meine Rolle.“ Schlöndorff sagte zu mir: „Herr Adorf, für diese große Rolle sind Sie zu teuer.“ Ich antwortete: „Reden wir nicht über meine Gage, sondern über die Rolle.“ So haben wir es dann gemacht.

Welche Rollen reizen Sie?

Damals war das auch eine politische Entscheidung: Wir waren mit Böll einverstanden – wir wollten für diesen Stoff etwas tun.

Rollen in Winnetou und Kir Royal

Es gibt zwei Rollen, mit denen Sie sich ins bundesdeutsche Gedächtnis eingeschrieben haben: Als Santer erschossen Sie Winnetous Schwester – und Haffenloher in „Kir Royal“. Nervt es, immer wieder darauf angesprochen zu werden?

Nein. Der Haffenloher war eine schöne Rolle!

Und Santer?

Der hat mich hingegen nicht interessiert.

Warum?

Ich fand die Rolle uninteressant: ein Bösewicht ohne jeden Hintergrund, ohne jede Motivation, der einfach nur rumballert. Ich wollte „Winnetou“ eigentlich absagen.

Warum haben Sie es sich anders überlegt?

Es gab einen Kritiker, der die Laudatio für „Nachts, wenn der Teufel kam“ auf mich geschrieben hat. Dem habe ich abends in Berlin in einer Kneipe von dem Angebot erzählt: „Der Santer ist keine Rolle für mich. Der ist einfach nur böse.“ Der sagte dann: „Herr Adorf, das müssen Sie spielen. Karl May ist deutsches Kulturgut!“ Jedenfalls habe ich mich beschwatzen lassen und den eigentlich ungeliebten Santer gemacht.

Mario Adorf: Bilder seiner Karriere

Welches war Ihre wichtigste Rolle?

Das ist schwer zu sagen. Da gehört so viel dazu: die Zeit, die Partner, der Film selbst. Eigentlich ist es wie bei Theaterrollen – wenn sie abgespielt sind, werden sie abgeheftet. Ich schaue nicht zurück, schaue mir auch keine alten Filme an. Das ist Vergangenheit. Ich will wissen: Was kommt jetzt?

Die Lesetour. Worauf freuen Sie sich am meisten?

Diese Abende haben mich nie sehr angestrengt – aber dennoch muss man halt mal sagen: Das war’s. Es wird also um Dinge gehen, die mir am Herzen liegen, die ich besonders mochte.

„Zugabe“ wird als Ihre letzte Tour angekündigt.

Ich habe vor 15 Jahren mit dem Theaterspielen aufgehört. Der Grund war nicht, dass ich mir den Text nicht mehr hätte merken können – oder dass es zu anstrengend gewesen wäre, sondern weil es mich gelangweilt hat. Die lange Probenzeit und die Vorstellungszeit, zwei, drei Monate jeden Abend am Stück – das ist mir zu lang.

Diese Lese-Abende, die ich seit damals gemacht habe, die haben mir immer Spaß gemacht. Aber jetzt ist es endgültig die letzte Tour – wir wollten sie nur nicht „Abschiedstournee“ nennen. Das hätte an eine Popgruppe erinnert, die zwei, drei Mal eine Abschiedstournee macht. So soll’s bei mir nicht sein.

Das Interview führte Michael Schleicher.

 

Quelle: op-online.de

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