Würgegriff der Prüfungen gelockert

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Stehen solche vollen Hörsäle im „einheitlichen europäischen Hochschulraum" auf der Tagesordnung?

Frankfurt - Europas Bildungsminister waren sich 1999 einig: Bis 2010 sollte es einen „einheitlichen europäischen Hochschulraum“ geben. Auch in Deutschland sollten Bachelor- und Masterstudiengänge Magister und Diplom ersetzen.

Doch die neuen Studienpläne und Prüfungsordnungen stießen auf Kritik. Mehrere hunderttausend Studenten haben 2009 gegen die neuen Bachelor-Studiengänge demonstriert. Sie kritisierten Studiengebühren und Zugangsbeschränkungen, bemängelten die höhere Arbeitsbelastung und eine zunehmende Verschulung. Nun scheinen ihre Proteste erste Früchte zu tragen. An den hessischen Universitäten werden Studienpläne und Prüfungsordnungen reformiert.

„Wir haben aus unseren Fehlern gelernt“, sagte Harald Lachnit, Vizepräsident für Studium und Lehre der Philipps-Universität in Marburg. „Wir haben auf alle Hauptkritikpunkte der Bologna-Reform reagiert“. Insgesamt gebe es jetzt deutlich weniger Verschulung. Künftig sollen nur Studienordnungen zugelassen werden, bei denen die Anwesenheit generell nicht kontrolliert wird. Die Prüfungslast sei ebenfalls spürbar reduziert worden.

In Frankfurt wurden „Bologna-Werkstätten“ eingerichtet, um Missstände im Bachelor-System aufzudecken. „Die Verbesserung ist ein kontinuierlicher Prozess“, betonte der Sprecher der Goethe-Universität, Olaf Kaltenborn. Deswegen werde man die Bologna-Werkstätten als dauerhafte Einrichtungen beibehalten. Laut AStA (Allgemeiner Studierendenausschuss) werden künftig die Prüfungen im ersten Semester nicht so stark gewertet. In den Vorlesungen gebe es keine Anwesenheitspflichten mehr.

Schon vorher herrschte eine hohe Prüfungslast

Keine größeren Änderungen gibt es hingegen in der Technischen Universität Darmstadt: „An der TU stellt sich das Problem nicht in der Schärfe, weil wir hauptsächlich technische Studiengänge anbieten“, erklärte Sprecher Christian Siemens . Dadurch habe in den meisten Fächern schon vorher eine hohe Prüfungslast geherrscht. Professoren und Tutoren könnten außerdem nach wie vor selbst entscheiden, ob für ihre Veranstaltungen Anwesenheitspflicht gilt - eine prinzipielle Pflicht gebe es nicht.

Hintergrund: Die neuen Abschlüsse

1999 haben die Bildungsminister von 29 europäischen Staaten die sogenannte Bologna-Reform unterschrieben. Nach anglo-amerikanischem Vorbild wurden die neuen Abschlüsse Bachelor und Master eingeführt. Abschlüsse sollten dadurch einfacher zu vergleichen und Studenten mobiler sein. Die Umstrukturierung sollte innerhalb von zehn Jahren realisiert werden.

Im Prüfungsjahr 2010 gab es erstmals mehr Bachelor-Titel als traditionelle Uni-Abschlüsse wie Diplom oder Magister. 31 Prozent der rund 361.700 Hochschulabsolventen erwarben laut Statistischem Bundesamt einen Bachelor-Abschluss. Andere Abschlüsse hatten nur noch einen Anteil von 29 Prozent. Der Anteil der Bachelor-Abschlüsse wächst rasant: Im Jahr 2010 wurden es 56 Prozent mehr. Die Zahl der Master-Abschlüsse wuchs um 28 Prozent.

Nur noch eine Prüfung pro Modul soll es an der Universität Kassel geben. Ein Modul fasst in Bachelor-Studiengängen mehrere Lehrveranstaltungen mit einem Lernziel zusammen. Die Prüfungsordnungen würden nach und nach geändert, sagte Uni-Sprecher Guido Rijkhoek. „Das ist ein langwieriger Prozess und dauert entsprechend. Die ersten neuen Prüfungsordnungen gibt es aber schon ab diesem Wintersemester.“ Auch die Anwesenheitspflicht wurde stark eingeschränkt. Früher habe diese Pflicht für fast alle Lehrveranstaltungen gegolten, mittlerweile werde diese nicht mehr geprüft. Ähnlich sieht es an der Justus-Liebig-Universität Gießen aus: „Wir haben die Prüfungslast drastisch reduziert - in manchen Fachbereichen um bis zu 30 Prozent“, sagte Uni-Vizepräsidentin Eva Burwitz-Melzer. Und auch bei der Anwesenheitspflicht gebe es neue Regelungen. „Wir haben aber schon 2008, also vor den Studentenprotesten, mit der Deregulierung und Flexibilisierung angefangen“, erklärte Burwitz-Melzer. In eine Monitoring-AG hätten Studenten, Lehrende und Mitarbeiter zusammengearbeitet. Danach wurden zum Beispiel mehr Tutoren für Bachelor-Studierende eingeführt.

dpa

Quelle: op-online.de

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