Interview mit Pfarrer Martin Franke

„Wunsch nach angemessenem Abschied“

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Pfarrer Martin Franke

Offenbach - Vor allem Kirchenvertreter haben sich in die aktuelle Debatte über eine „pietätlose Discount-Bestattung“ eingeschaltet. Redakteur Peter Schulte-Holtey fragte bei Pfarrer Martin Franke von der Evangelischen Kirchengemeinde Seligenstadt und Mainhausen nach.

Für Empörung sorgt gerade ein Bestatter, der umfunktionierte Kanalrohre als Urnen anbietet. Schließen Sie sich der Kritik an?

Bei allen Bestattungen ist die Frage, ob sie Respekt gegenüber dem Toten, seiner Person, erkennen lassen. Das erscheint mir bei dicht gestapelten Kanalrohren fraglich. Ich kann den spontan emotionalen Protest dagegen verstehen.

Es geht um die Würde des Menschen...

Ja - sie hängt zwar nicht ausschließlich an seinem toten Körper, dieser ist andererseits nicht einfach ablösbar von der Person: In diesem Leben habe ich nicht nur einen Leib, sondern bin mein Leib, weil alle Lebensäußerungen und mein Bewusstsein von diesem Körper abhängen. Auch wenn er vergänglich ist, gilt es mit ihm respektvoll umzugehen - das ist der Grund, warum alle Kulturen Bestattungsvorschriften entwickeln. Mein Körper ist eben mehr als ein medizinisches Organlager oder industriell zu entsorgender Abfall nach meinem Tod. Die evangelische Kirche bietet Trauergottesdienste als Trost für die Hinterbliebenen und als Wahrung der menschlichen Würde über den Tod hinaus an. Diese drücken den Glauben aus, dass Gott den Verstorbenen auch über den Tod hinaus anspricht und bejaht, und die Hoffnung auf ein Wiedersehen in Gottes Reich. Diese Würde der Person schließt eine rein industrielle Beseitigung aus - und ist auch gesetzlich geschützt.

Wenn man die Bestattungskultur - auch auf vielen Friedhöfen im Rhein-Main-Gebiet - beobachtet, bekommt man aber den Eindruck, dass es teils taktloser und pietätloser zugeht...

Aus meiner Sicht werden die Bestattungsarten zwar vielfältiger, aber der Wunsch nach einem angemessenen Abschied steigt eher, wie zum Beispiel die relativ jungen Trauerfeiern für Früh- und Totgeborene zeigen. Menschen suchen eine für sich und ihre Verstorbenen passende Form, ob das nun ein Friedwald oder das traditionelle Einzelgrab ist. Für den Trauerprozess ist es hilfreich, wenn es einen konkreten Ort gibt, den ich besuchen, aber auch wieder verlassen kann. Dafür sind kostensparende anonyme Bestattungen ungeeignet.

Wie gehen viele Familien mit der Beerdigung um, welche Beobachtungen machen Sie?

Die jeweilige Trauerfeier ist der definitive Abschied: Der Moment, in dem der Sarg mit Erde beworfen oder die Urne hinabgesenkt wird, ist für die meisten Menschen sehr aufwühlend. Häufig haben Angehörige direkt nach dem Tod den Eindruck, der Tote würde nach einer Reise oder einem Krankenhausaufenthalt zurückkehren – die Bestattung bricht diese Illusion. Das gilt auch für die Urnenbeisetzungen, bei denen Angehörige die Bestattung erst mehrere Wochen später ansetzen. Dieser Abschied bliebt unverzichtbar, weil er im ersten Schock der Todesnachricht gerade von engen Angehörigen nicht geleistet werden kann. Abschied braucht seine Zeit, seine Orte und seine Rituale. Nicht selten werden Menschen, die sich diese Zeit nicht nehmen, später von der Trauer eingeholt.

Quelle: op-online.de

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