Die Wut der Braven

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Auch lärmgeplagte Bürger aus Offenbach-Bieber machten ihrem Unmut lautstark Luft.

Frankfurt - Alle sind sie da: Mister Kittikchorn Meephuk, Handelvertreter für Frischfisch aus Bangkok, und Manfred Kastner aus Offenbach, letztmals gesichtet auf einer „Demo“ im Jahre 1959, als Kickers Offenbach Deutscher Vizemeister wurde; da hat er auf dem Römerberg gefeiert. Von Michael Eschenauer

 Ferner Chris Williams, Geologe aus Phoenix (USA), und der selbsternannte „Obelix vom Donnersberg“. Der Frankfurter Flughafen bringt Menschen und Nationen zusammen. Jüngster Beweis war die große Anti-Fluglärm-Demonstration am Samstag im Terminal 1.

Es war, vorbereitet durch ein gutes Dutzend Montagsdemonstrationen, der bisher größte Protest. In der Abflughalle B bekämpften die genervten Anwohner Feuer mit Feuer und veranstalteten einen Höllenkrach mit Trillerpfeifen und Sprechchören. Viele trommelten auf Eimern, Keksdosen und anderen Gefäßen. Einige trugen Ohrenschützer. „Fluglärm macht krank“, stand auf vielen Plakaten. Zahlreiche Teilnehmer reisten mit der ganzen Familie an. Die Polizei schätzte ihre Zahl auf 6000, die Veranstalter – ein Bündnis aus 70 Bürgerinitiativen – sprachen von 10 000 Menschen. Eins ist sicher: Wer sich an diesem sonnigen, aber schneidend kalten Wintertag auf zugigen Bahnsteigen und bei der Kundgebung vor dem Terminal die Beine in den Bauch stand, meinte es wirklich ernst.

Im Terminal 1 wurde es eng: Trillerpfeifen und Trommeln drinnen gegen Triebwerkdröhnen draußen.

Und so warten auch Ingo und Waltraud Kubala aus Offenbach-Bürgel am Bahnhof Offenbach-Ost auf die S-Bahn. „Natürlich lohnt es sich“, sagt der aus der Zeit der Notstandsgesetz-Demos „kampferprobte“ Herr. Vor 30 Jahren sei er vom Lauterborn nach Bürgel gezogen. „Vom Regen in die Traufe“, wie er heute weiß. Die neue Landebahn müsse weg, das sei klar. Nebenan zittern Thomas und Petra Baumann aus Rumpenheim. „2004 haben wir unser Haus exakt so ausgesucht, dass die Flugkorridore weit genug weg waren. Wir wussten ja Bescheid, was kommen sollte.“ Aber jetzt flögen die Flugzeuge derart unpräzise, dass man eben doch starkem Lärm ausgesetzt sei. „Die Bahn muss weg, wenn wir nicht diese Hoffnung hätten, wären wir nicht hier“, betonen sie. Daran glaubt Helmut Walter aus Bürgel nicht. „Die werden nie im Leben aus der Nordwest ‘ne Kart-Bahn machen. Aber heute zu Hause sitzen kann ich nicht.“

Protest erreicht seinen Höhepunkt

Heute – das ist der Tag, an dem der Protest der braven Bürger seinen bisherigen Höhepunkt erreichen soll. Und die Tatsache, dass jeder der Protestler in der S8 eine gültige Fahrkarte in der Tasche hat, zeigt die Gefährlichkeit dieser Bewegung: Das sind zuverlässige, solide Herrschaften. Sie bilden die Basis der Gesellschaft. Sie haben Geld, Zeit und Wut genug, um richtig Ärger zu machen.

Jetzt gibt es aber erstmal keine Probleme für den Flughafenbetrieb – Stunden später wird Sprecher Dieter Hulick einen reibungslosen Ablauf in jeder Hinsicht konstatieren –, sondern für die Protestler. Es sind nämlich so viele, dass sie die Aufgänge vom S-Bahnhof verstopfen. „Zur Demonstration“ weisen zwar viele Pappschilder, aber das dauert. Währenddessen fängt das Service-Personal Flugreisende ab und geleitet sie zu den ausgelagerten Check-Ins in den Bereichen A und C. Unter ihnen befindet sich Regina Hartlaub aus dem Frankfurter Westend. Mit ihrem Hartschalenkoffer fühlt sie sich etwas beklommen. Sie muss nach London fliegen, ihre Tante ist schwer erkrankt. „Ich steh aber auf eurer Seite“, versichert sie in Richtung von Helmut Walter und dem sanft grinsenden „Polizei-Communikator“.

Musikalische Unterstützung gab es ebenfalls.

Oben steppt der Bär zur Gitarre. Eva Simonis singt von „toten Bäumen und Kerosingeruch statt frischer Luft“ und von Liebenden, die flüstern und nicht „Ich liebe dich!“ gegen den Fluglärm anschreien wollen. Ernüchternd unter all den Anfeuerungs- und Wut-Tiraden der Redner ist das Grußwort aus Berlin. Ferdi Breitbach von der Protestbewegung für Lärmschutz in der Nacht am Hauptstadt-Flughafen Berlin-Schönefeld warnt vor zu viel Optimismus. Der Vierte Senat des Bundesverwaltungsgerichts in Leipzig – diese Instanz entscheidet auch über das Nachtflugverbot in Frankfurt – habe für Schönefeld eine Ausweitung der Nachtruhe von 22 bis 6 Uhr abgelehnt. Er sei bekannt für wirtschaftsfreundliche Urteile. „Er ist eine Schande für die deutsche Gerichtsbarkeit“, schimpft Breitbach in die tosende Halle. Ein tausendfaches „Pfuiii!“ ist die Antwort.

Ruhe ist ein Menschenrecht

Aber, so Breitbach weiter, man werde den Lärmprotest an den Flughäfen vernetzen und bis zum Bundesverfassungsgericht und zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gehen. „Ruhe ist ein Menschenrecht“, schreit eine junge Frau, die auf einen Container der Cafeteria geklettert ist. Im Terminal 1 scheint eine vereinigte bundesdeutsche Anti-Fluglärm-Bewegung ihr Haupt zu heben. Auf der abgesperrten Balustrade ein paar Meter über der Menge bewegen sich Anzugsträger, unruhig wie Ameisen, wenn jemand ihren Stein anhebt.

Jürgen beobachtet die Leute und lauscht schweigend. Der 40-jährige Rüsselsheimer, der behauptet, schon als Siebenjähriger bei Anti-Flughafen-Demos dabei gewesen zu sein, lächelt schwach. „Ich frage mich grade, wo all diese Leute all die Jahre waren, als all das geplant und gebaut worden ist.“

Unverständnis bei Fluggästen

In den Ladenpassagen im hinteren Teil des Terminals ist von den Protestierenden, die sich derweil zu einer Karawane rund um die Sheraton-Hotelinsel formieren und den Autoverkehr zum Stillstand zwingen, nichts zu spüren. Der rundliche Mister Meephuk hat überhaupt nichts mitbekommen. Er weiß weder etwas von Großdemos, noch kennt er das Frankfurter Fluglärmproblem. Nebenan wundert sich Chris Williams aus Phoenix: „Also entschuldigen Sie mal, die Leute wissen doch, dass hier ein Flughafen ist. Das ist doch klar, dass es hier nicht still wie auf dem Friedhof sein kann. Wenn ich so etwas weiß, ziehe ich nicht hierhin. Das ist ja, wie wenn Sie neben eine Schule ziehen und sich über den Kinderlärm beschweren.“

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„Ach so, die Landebahn ist schon gebaut. Das ist ja supergeschickt, jetzt zu demonstrieren“, ätzte Mike aus Augsburg, gerade auf dem Weg zum Tauchen auf Kuba. Generell aber findet er Demonstrieren in Ordnung. „Wir gehen in Deutschland viel zu wenig auf die Straße.“

„Straße“ ist das Stichwort, denn in der Sonderwirtschaftszone Flughafen bleibt die Demonstration isoliert vom Rest der Welt. Man applaudiert einander, zeigt sich gegenseitig seine schönen Plakate. Das ficht den „Obelix vom Donnersberg“ aber nicht an. Der Künstler und Büttenredner ist der schrägste unter den Demonstranten. „Gegen Fluglärm und Gestank hilft ein guter Zaubertrank“, ruft er dem Berichterstatter entgegen. Klar, „die Firma Fraport“ sei tausendmal stärker. Aber das kleine gallische Dorf von Asterix und Co. habe sich auch am Ende gegen die Römer durchgesetzt. „Die können uns nicht beeindrucken. Wir machen das durch Einfallsreichtum wett“, meint der beleibte Künstler mit dem Mini-Helm, der blau-weiß gestreiften Hose und den feuerroten Zöpfen.

Quelle: op-online.de

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