Dem Zeitgeist widersetzt

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Bei Carl Topp hängt der Himmel voller Bürsten. Das von Hansjörg Graf geleitete Traditionsgeschäft in der Adalbertstraße im Frankfurter Stadtteil Bockenheim bietet Bürsten, Pinsel und Fußmatten in allen erdenklichen Ausführungen.

Frankfurt - Ganz Frankfurt ist mit Einkaufszentren, Shopping- Malls und den üblichen, in allen Städten der Welt zu findenden Filialen großer Handelsketten gepflastert. Ganz Frankfurt? Nein, denn es gibt sie sehr wohl noch, die kleinen Fachgeschäfte mit großer Tradition. Von Christian Riethmüller

In einigen Fällen muss der geneigte Kunde etwas suchen, in anderen Fällen sind die Geschäfte weithin bekannte Institutionen, die nicht nur Frankfurter, sondern auch viele Besucher aus der Region anlocken wie etwa die Kaffeerösterei Wacker am Kornmarkt oder die für ihre Rindswürste berühmte Metzgerei Gref-Völsings auf der Hanauer Landstraße im Osten der Stadt.

30 Traditionsfachgeschäfte besucht

Insgesamt 30 dieser traditionsreichen Fachgeschäfte haben die Autorin Julia Söhngen und der Fotograf Harald Schröder für ihr Buch „Zeitkonserven. Frankfurter Traditionsgeschäfte“ aufgesucht, das nun im Hanauer CoCon-Verlag erschienen ist. Der liebevoll gestaltete Band entführt in eine Welt, in der die Zeit stehen geblieben scheint. Das hat ganz unterschiedliche Gründe. Manchmal, wie im Fall der auf der Leipziger Straße in Bockenheim gelegenen Bock-Apotheke, muss jede modernisierende Änderung mit dem Denkmalschutz abgestimmt werden, und manchmal ist der Charme des Alten schlicht gewollt, um inmitten der gleichförmigen Konsumtempel Originalität zu bewahren.

Auf die Idee zu diesem Buch kamen Söhngen und Schröder im Zuge der Vorarbeiten zu einer Reportage fürs Stadtmagazin „Journal Frankfurt“. Etwa ein Jahr dauerte dann die Umsetzung der Idee, die bei fast allen kontaktierten Geschäftsinhabern auf Wohlwollen stieß. Nur eine alte Frau wollte von einem Buchbeitrag nichts wissen, weil sie fürchtete, dafür etwas bezahlen zu müssen.

Was geschieht ohne Nachfolger?

Diese kleine Begebenheit weist indirekt auf ein Problem hin, mit dem etliche Traditionsgeschäfte konfrontiert sind. Was geschieht, wenn die Inhaber zu alt sind und kein Nachfolger zur Übernahme bereit steht? Dann verschwinden die alten Läden, so wie die im Buch noch beschriebene, aber mittlerweile geschlossene Burg Drogerie im Frankfurter Nordend. In anderen Geschäften ist zwar die Nachfolge geklärt, doch der Standort eine Frage, über die diskutiert wurde. So etwa beim Musikhaus B. Hummel im Bahnhofsviertel, das zwischen den verschiedenen Amüsier-Betrieben des Rotlicht-Viertels etwas verloren wirkt, aber vielleicht gerade deshalb Pilgerstätte für jeden Rock‘n‘Roller ist, die an Ort und Stelle bleiben wird, wie schon die vergangenen 100 Jahre zuvor.

Mit fundierter Fachberatung glänzen

Bewährte Standorte und fundierte Fachberatung sind das Pfund, mit denen die Geschäfte, die wie in einer Konserve vergangene Zeiten bewahren, wuchern können, zudem oft auch das sehr spezielle Angebot, das weder ein Kaufhaus noch ein Einkaufszentrum bieten können. Wer einmal Carl Topps Sortiment an Bürsten bestaunte, eine Spezialwaage bei Albert Jordan begutachtete, einen Regenschirm bei Rhotert fand oder sonst eines der zahlreichen Traditionsgeschäfte besuchte, wird das uniforme Angebot, das an jeder Ecke zu haben ist, gar nicht mehr so recht schätzen. Der Zeitgeist darf dort ruhig eine Pause einlegen.

Quelle: op-online.de

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