Zirkus Flic Flac: Bremsen strengstens verboten

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. Santiago und sein Chef Sergio (links) am Arbeitsplatz. Wer ihn heil verlassen will, sollte an Gott glauben und die restliche Welt völlig ausblenden.

Frankfurt - „Sabe su madre lo que usted hace aquí?“ - „Weiß Ihre Mutter, was Sie hier treiben?“ Die Frage liegt nahe. Santiago Castrillon, Artist bei „Flic Flac“, trägt zwar ein T-Shirt der „Fleischerei Klang - Köpenick“. Aber er arbeitet nicht da. Von Michael Eschenauer

Der 35-Jährige ist vielmehr Teil eines Teams südamerikanischer Artisten, die derzeit bei „Flic Flac“ an der Frankfurter Eissporthalle für Höhepunkt und Schlussakkord sorgen. Was sie tun, ist mit „Wahnsinn“ unzureichend umschrieben: Mit zehn Motorrädern fahren sie im Innern einer nur sechs Meter hohen Kugel aus Stahlstreben und zwar so, dass ein Pulk von neun Maschinen horizontal, also praktisch entlang des „Äquators“ im Rund braust, während gleichzeitig ein Fahrer im 90-Grad-Winkel dazu Loopings dreht. Die Nummer bringt selbst abgebrühte Zirkuskenner dazu, nur noch das unfallfreie Ende der Darbietung im „Globe of Speed“ herbeizusehnen.

In der Szene heißt es, ausschließlich Südamerikaner seien „verrückt genug, so etwas zu wagen“. Santiago Castrillon stammt aus Kolumbien. Zum Interviewtermin hat er seinen Chef Sergio Ricardo Molina mitgebracht. Molina ist Argentinier. Das Gespräch läuft auf Spanisch und Englisch.

„Sie hat es schon mal als Video gesehen und gesagt, ich sei verrückt. Sie würde wohl nicht in eine Show gehen, wo wir auftreten“, sagt Santiago und lächelt. Aber seine Mutter sei auch froh, dass er einen Job habe, der ihm Spaß mache und hinaus in die Welt bringe. Der zierliche Mann ist kein Angeber. Er hat 15 Jahre in seiner Heimat, der Großstadt Pereira im Nordwesten des Landes, als Techniker für Druckmaschinen gearbeitet. „Ich hatte keine Zeit zu leben, es gab nur die Arbeit“, erinnert er sich. Santiago begann als Hochseilartist, arbeitete zunächst bei Flic Flac sowie in Israel und Italien, um vor eineinhalb Jahren zu dem Action-Zirkus zurückzukehren. Seitdem dreht sich sein Leben um den abgasschwangeren „Globe of Speed“. „Nein, ich hatte noch keinen Unfall bisher. Knock on wood - unberufen, Toi, Toi, Toi“, sagt er.

Jeder kennt die waghalsigen Nummern

In Südamerika gehört der „Globe of Speed“ oder „Globe of Death“ fast schon zur Folklore. Jeder kennt die Nummern, die besten Fahrer genießen Prominentenstatus. Viele Zirkusse haben den Nervenkitzel im Programm. Allerdings mit weniger Fahrern als Flic Flac. Die zehn knatternden Maschinen auf einer Grundfläche von knapp 120 Quadratmetern sind Weltrekord.

„Die meisten Artisten wissen, dass die Nummern der Höhepunkt der Show sind und wollen auch Fahrer werden“, sagt Santiago. So sei es auch bei ihm gewesen. Außerdem sei das riskante Leben auf den Sitzen der 125 Kubikzentimeter starken Geländemaschinen von Yamaha die einzige Chance, als südamerikanischer Artist in die internationale Zirkusebene zu kommen. „Es ist ein Sprungbrett“, sagt Santiago.

Die Zirkusunternehmen finden ihre Fahrer mit „Vermittlern“. Die arbeiten wie die Sportmanager der Fußballvereine, kennen den südamerikanischen und den internationalen Markt der „Globe“-Artisten und stellen die Teams zusammen. „Die sind jeweils immer nur kurz vor Ort“, berichtet Flic Flac-Juniorchefin Larissa Kastein. Das aktuelle Team habe ganze 14 Tage Zeit gehabt, sein Zusammenspiel zu trainieren.

Konzentration, Adrenalin, Nervosität

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„Wenn man Angst hat, kann man diese Sache nicht machen“, sagt Santiago Castrillon. Bei ihm herrsche eher eine Mischung aus totaler Konzentration, Adrenalin und Nervosität. „Ich lasse alle Probleme und Gedanken außerhalb der Kugel zurück. Auch wenn mir irgendwas weh tut, vielleicht weil ich ein bisschen krank bin oder wenn ich Sorgen habe, schalte ich das ab“, berichtet Sergio. Er ist mit 33 Jahren zwar jünger als sein Kamerad, wirkt aber älter, ernster. Dies ist kein Zufall, denn er hat die Rolle des Teamchefs und im „Globe“ die schwierigste Aufgabe: Er ist derjenige, der die Loopings fährt, wobei er immer exakt die Lücke zwischen den horizontal fahrenden Maschinen treffen muss. Sergio hat zuletzt in Argentinien mit acht Motorrädern gearbeitet. „Was wir tun, basiert nicht auf einem festen Rhythmus. Es gibt keinen Trick, keine Mechanik, nichts, was vorher ausgerechnet wurde. Alles ist für mich nur Schauen, Schauen, Schauen. Immer, in alle Richtungen gleichzeitig. Nach vorne und aus den Augenwinkeln. Genau beobachten, wo sind die anderen Fahrer? Wie klingen die Motoren? Wie bewegt sich die Lücke im Pulk in Relation zu mir?“ Kollege Santiago sei mit seinen 35 Jahren der Älteste im Team, berichtet Sergio. Das sei nicht verwunderlich. „Jüngere Männer haben nicht unbedingt die bessere Reaktionsfähigkeit, aber sie denken nicht so viel wie die Älteren und sind in der Regel nicht an Frau und Kind gebunden.“

Sergio ist früher als „lebende Kanonenkugel“ und Tierartist aufgetreten. Fünf Jahre Training hat es gedauert, bis er die Rolle des Looping-Fahrers übernehmen konnte. „Im Prinzip ist es mit drei oder fünf Fahrern das Gleiche wie mit zehn“, sagt er. Man beginne mit nur wenigen Fahrern, so dass die Lücken für den Looping-Mann relativ groß seien, dann steigere man allmählich die Zahl, schärfe Reaktionen und Zusammenspiel. Schuld an Crashs sei meist nicht der Mensch, sondern die Technik: eine Antriebskette, die abspringt, ein Reifen der wegen der extrem hohen Belastung heißläuft und platzt. „Die Motorradgeschäfte sind oft die ersten, die wissen dass wir in der Stadt sind“, berichtet die junge Chefin Larissa Kastein.

Die Maschinen, alles Serienmodelle, werden von ihren Fahrern täglich und extrem pingelig gewartet. Jeder fährt immer nur ein spezielles Motorrad, das er bis zum kleinsten Seufzer der Federung und bis zur letzten Schraube verinnerlicht hat. Die Fahrer tragen Schutzkleidung wie beim Motocross.

„Das Tempo ist das Wichtigste. Wenn hier was nicht passt, ist es schnell vorbei“, sagt Sergio mit ruhiger Stimme. Wichtig sei es auch, die Abstände zwischen den Maschinen möglichst gering und stabil zu halten, in der Regel seien es nur wenige Zentimeter. Je enger das Fahrerfeld, desto mehr Platz bleibt dem Looping-Fahrer. Bremsen sei strengstens verboten. „Wir steuern das nur über den Gaszug.“ Erstmal nur langsam üben, sei unmöglich. „Es muss beim ersten Mal funktionieren.“ Acht Unfälle hat Sergio bereits gehabt. Täglich sind ein bis eineinhalb Stunden Training Pflicht. Sanitago ist wie fast alle Südamerikaner sehr gläubig. „Ich kann das nur tun, weil ich weiß, dass Gott mir mein Leben gegeben hat und er auch die Entscheidung treffen wird, wann er es mir wieder nimmt“, sagt er. Es komme alles so, wie es kommen müsse. „Dieses Gefühl des Vertrauens macht mich gelassen und stark.“

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Quelle: op-online.de

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