„Zombies stopp, sonst gibt‘s Verletzte“

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Zwei Profi-Darstellerinnen treiben Monstern des Halloween-Spektakels auf Burg Frankenstein in einem Seminar die falsche Scham aus wie einen Dämon.

Eberstadt ‐ „Und? Wer hat ein Problem?“ Die Gruppe torkelt ihre Runden und schweigt. Simone hat gut fragen. Will doch bitteschön erst mal definiert sein, was ein Mensch, der auf Monster macht, überhaupt für ein Problem haben kann. Von Marcus Reinsch

Soll er sicherheitshalber eins melden, wenn er andere Menschen beißen will? Muss er schuldbewusst eins melden, wenn ihm so gar nicht nach Beißen ist? Das Böse zu simulieren ist eine widersprüchliche Angelegenheit. Und das kann für Menschen, die die abendlich mehr als 2.000 Besucher des Halloween-Spektakels auf Burg Frankenstein bei Darmstadt aus versicherungstechnischen und hygienischen Gründen keinesfalls beißen, aber glaubhaft gruseln wollen, nun wirklich ein Problem werden.

Werwölfe und Zombies beim Schauspielunterricht

Deshalb sind 18 der 84 Darsteller hier in der Schlossturnhalle Eberstadt. Werwölfe und Zombies haben sich zum Schauspielunterricht für Schreckgestalten angemeldet, dazu ein, zwei Vogelscheuchen, Schwertkämpfer, ein Frankenstein, eine schwarze Elbe und so ziemlich die ganze Vampirgruppe.

Und deshalb ist auch Simone Wagner hier und fragt gleich nochmal in den Raum. „Wer hat ein Problem?“ Eine Hand, zaghaft. „Der Zombie? Ok, dann machen wir jetzt alle mal den Zombie!“ Schwanken, Straucheln, Stolpern, die Meute verbeißt sich in ihre Rolle. Simone, freiberufliche Schauspielerin aus Aschaffenburg, verlangt „Geräusche!“ Diszipliniertes Stöhnen setzt an, ein Werwolf schmatzt und sabbert, Simone ist begeistert.

Oben auf der Burg ist sie Teil des „Mitternachtstraums“. Das professionelle Ensemble, das ganzjährig Grusel- und Krimidinner in Wiesbaden inszeniert, bespielt an den neun Festivaltagen rund um das kalendarische Halloween am 31. Oktober eine der drei Bühnen mehrfach am Abend mit den kleinen Horrorstücken „Die blutigen Straßen von London“ und „Nosferatu“.

Scham austreiben wie einen Dämon

Hier unten im Gymnastikraum der Schlossturnhalle zelebriert Simone zusammen mit ihrer sonst auf Kindertheater spezialisierten Kollegin Laura Schmidt eine Art schauspielerischen Exorzismus. Die beiden Profis versuchen, den Laien die Scham auszutreiben wie ein Priester den Dämon. Wer sich im hellen Neonlicht, ohne Maske, ohne Kostüm, ohne Schminke und nur auf Socken seiner Scham stellt, dem wird auf der Burg nichts mehr peinlich sein. 150 Prozent, das ist Lauras Ratschlag. „Gebt ruhig mal 150 Prozent. Und wenn es euch übertrieben vorkommt, ist es genau richtig.

Das Ambiente für solche Schattensprünge ist eine Herausforderung. Wo jetzt die versammelte Monster-Mannschaft auf Laminat von Spiegelwand zu Sprossenwand kriecht, sind sonst die Lehren von Turnvater Jahn Religion. Es ist das Reich der Turngesellschaft 07 e.V. Eberstadt. Die ist Mitglied im Hessischen Turnverband, den Halloween-Monstern damit um einen Dachverband voraus und der Faltblattsammlung an der Wand zufolge mit einer beliebten Yoga-Gruppe gesegnet.

Blindes Fallenlassen üben

Für den meditativen Blick nach Innen haben die Schauspielerinnen durchaus Wertschätzung übrig. Gleich zu Beginn etwa galt es, eine Vertrauensübung zu absolvieren: das blinde Fallenlassen in die Arme des Hintermanns.

Schauspielerei - diese Weisheit soll am Ende mindestens ebenso hängenbleiben wie das überzeugende Hinken, Humpeln, Schlurfen - funktioniert ohne die Beherrschung psychologischer Taktiken nicht. Auch wenn das Training gerade in handfestere Disziplinen mündet. „Alle machen die Vogelscheuche. Nicht, dass einer kotzt von euch, bis jetzt war das hier nur Ponyhof. Schön laufen, bewusstes Laufen!

Das Laufen bringt vorwärts, den Körper sowieso und auch den Geist. „Stellt euch doch mal vor, ihr wärt ‘ne Vogelscheuche. Ihr habt keine Gelenke, ihr seid zusammengebastelt.“ Das Schreiten geht in hilfloses Staksen über. „Spannung! Versucht, eure Spannung im Körper zu halten. Wer hat noch Probleme?

Halloween auf Burg Frankenstein: bis 8. November freitags ab 20, samstags ab 19 Uhr bis Mitternacht (nicht für Kinder geeignet). Sonntags Kinder-Halloween von 15 bis 19 Uhr. Restkarten (18 bis 22 Euro) sind an der Abendkasse zu haben. Mehr Infos auf der Internetseite der Veranstalter.

Weniger Monster als vorher haben Probleme. Aber mehr geben welche zu. Ein Etappensieg im Krieg gegen den inneren Schweinehund. Das qualifiziert für die Gruppenarbeit. Es gibt kleine Improvisationsaufgaben. „Die Werwölfe („Ihr hockt im Käfig, wollt jemanden zerfleischen, also los!“) fangen an, dann folgen die Vampire. Die sollen nicht einfach arrogant vor sich hin stauben, sondern die dunkle Erinnerung an eine Seele zur Schau tragen. „Vampire haben ja mal gelebt“, erklärt Laura, „und damit haben sie jetzt vielleicht ein Problem. Vorher warste ein Super-Typie, und jetzt biste böse. Klar?“ Offensichtlich. Das mimisch eben noch zu homogene Halsbeißer-Quartett legt sich in Sekundenschnelle plakative Charakterzüge zu. Einer schmollt, einer macht den Schlossherrn, eine seine Frau.

Vogelscheuchen haben vergessen, dass sie Gelenke haben

Nach einigen Stunden scheint die Mission geglückt. Und vielleicht sogar mehr als das. Die Vampire erinnern sich an ein Leben, das sie nie gelebt haben. Die Vogelscheuchen haben vergessen, dass sie Gelenke haben. Eine Schwertkämpferin weiß jetzt, was sie ohne Schwert mit ihren Händen machen soll. Vor den Werwölfen werden sich die Besucher der Burg wohl wirklich fürchten müssen.

Und natürlich die Zombies. „Zombies stopp, sonst gibt‘s Verletzte!“, warnt Simone. „Ihr seid ja auch mehr oder weniger untot, wisst ihr? Sonst jemand ein Problem?

Quelle: op-online.de

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