Züge ohne Wiederkehr

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Die Großmarkthalle, hier das frühere Stellwerk, war Ausgangspunkt der Deportationen.

Frankfurt - Groß ist der Keller und weit abseits des geschäftigen Treibens der Frankfurter Innenstadt. Das Bahngleis vor der Tür führt direkt in Richtung Osten. Von Christian Rupp (dpa)

Aus Sicht der Nationalsozialisten der perfekte Ort, um viele Menschen unterzubringen - bevor sie in die Todeslager nach Polen verfrachtet werden. Am morgigen Mittwoch jährt sich der Tag zum 70. Mal an dem die Nazis von der früheren Frankfurter Großmarkthalle aus die ersten Juden aus Hessen deportierten.

Ein „Judenstern“.

Heute ist das Gelände in der Nähe des Ostbahnhofs eine riesige Baustelle. Die spektakulären Doppeltürme des künftigen Sitzes der Europäischen Zentralbank (EZB) schrauben sich jeden Tag etwas weiter in den Himmel. Unmittelbar vor dem 500 Millionen Euro teuren Prestige-Objekt steht das Gerippe der ehemaligen Großmarkthalle, das später einmal so etwas werden soll wie ein riesiges Foyer für die Büros der europäischen Währungshüter.

Mehr als 10.000 Juden von der Großmarkthalle aus deportiert

Die nach den Plänen des Architekten Martin Elsaesser gebaute Halle diente von 1928 an als Großmarkt. Dann wurde sie Ausgangspunkt der Deportationen. Mehr als 10.000 Juden aus Frankfurt wurden nach Angaben der Stadt von hier in die Konzentrationslager gebracht. Immer wieder verließen bis zum Januar 1944 Transportzüge voller Menschen die Halle. 15 000 sollen es insgesamt aus Hessen gewesen sein. Allein bei dem ersten Transport wurden 1125 Menschen verschleppt - nur zwei überlebten.

Bilder von den düsteren Ereignissen gibt es nach Einschätzung des Stadtarchivs offiziell nicht, selbst schriftliche Zeugnisse sind rar. Dazu gehören das berühmte Tagebuch der Anne Frank und das von Lina Katz, einst Sekretärin der Jüdischen Gemeinde. „Ich habe den Zug zur Großmarkthalle durch die Stadt begleitet, zum Teil versucht, die Straßenbahn zu benutzen, aus der ich wegen meines Judensterns herausgeworfen wurde“, schreibt sie über die erste Deportation. „Der Zug ging am helllichten Tage. Rechts und links standen die Menschen und sahen sich stumm im dichten Spalier den Zug an.“

Gedenkstätte initiiert

In dem kleinen Stellwerk wurden dann „die Weichen in die Vernichtung gestellt“, wie Salomon Korn, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, einmal sagte. Daher hat er gemeinsam mit der Stadt und der EZB den Bau einer Gedenkstätte initiiert. Sie soll der Tragik der Deportationen und des Holocaust Ausdruck verleihen, wie der scheidende EZB-Präsident Jean-Claude Trichet im März dieses Jahres sagte. Im Zentrum der Stätte steht dabei eine Betonrampe, die in den östlichen Keller der früheren Großmarkthalle hinabführt. Dort wurden die Juden vor ihrem Transport eingesperrt, während oben weiter Gemüse verkauft wurde. Trichet versprach zwar, den Raum mit seiner niedrigen Decke unverändert zu lassen. Weil aber auch für den Keller die extrem hohen Sicherheitsvorkehrungen der EZB gelten, ist zur Zeit noch völlig unklar, wie und wie oft er für die Öffentlichkeit zugänglich sein wird. So sorgt die Erinnerungsstätte bereits für Diskussion, lange bevor sie errichtet wird.

Morgen eine Gedenkstunde im Westend

Die Initiative „Stolpersteine“ in Frankfurt will morgen der vor 70 Jahren deportierten Juden gedenken. Bei der Gedenkstunde im Westend sollen unter anderem Texte aus Tagebüchern vorgelesen werden. Vorgetragen werden auch Namen von Opfern, für die bereits Stolpersteine - Erinnerungstafeln im Pflaster - gesetzt wurden. Die Gedenkstunde beginnt am Mittwoch um 17 Uhr auf dem Erich-Fromm-Platz (Liebigstraße).

In der Katharinenkirche an der Hauptwache soll am nächsten Montag (24. Oktober) zudem ein Gedenkkonzert stattfinden. Ab 18 Uhr wird die „Junge Kantorei“ mit Jochen Martini singen und Martin Lücker an der Orgel wird unter anderem Werke von Siegfried Würzburger spielen. Würzburger war der letzte Organist der Westend-Synagoge.

Quelle: op-online.de

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