Zugpferd für die Frankfurter Innenstadt

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Die spektakuläre Architektur und das Angebot vieler Marken, die bisher nicht in der Frankfurter Innenstadt vertreten waren, haben das neue Einkaufszentrum MyZeil binnen weniger Monate zu einem Publikumsmagneten werden lassen.

Frankfurt - Die Frankfurter Zeil ist in einem umfassenden Wandel begriffen. Die schäbigen Pavillons aus den 1980er Jahren gehören längst der Vergangenheit an. Die Nachfolgebauten sind nahezu fertiggestellt. Von Sonja Thelen

Über den Platz an der Hauptwache, den bis vor kurzem noch eine viel befahrene Straße durchschnitt, können die Passanten mittlerweile ungehindert flanieren und müssen nicht mehr an einer roten Ampel warten. Der Blickfang schlechthin ist aber das mit viel Tamtam Ende Februar eröffnete neue Einkaufszentrum MyZeil.

Aus vielen Glasscheiben setzt sich die auffällige und organisch anmutende Fassaden-Dachkonstruktion zusammen, in deren Mitte sich ein Trichter nach innen öffnet. Spektakulär ist auch das Innere des Einkaufszentrums. Die sechs Stockwerke werden über eine der längsten freitragenden Rolltreppen Deutschlands erschlossen.

Blick über den Eschenheimer Turm auf die Hotel- und Bürotürme des Palais-Quartiers, dessen Herzstück MyZeil ist.

MyZeil ist das Herzstück des neuen Palais-Quartiers - eines der bedeutendsten Innenstadtprojekte Europas, in das der niederländische Projektentwickler MAB knapp eine Milliarde Euro investiert hat. In Toplage, mitten in der Frankfurter Innenstadt, ist es den Investoren gelungen, ein außergewöhnliches Projekt Wirklichkeit werden zu lassen. Wo früher Fernmeldehochhaus und Hauptpost standen sowie die „Frankfurter Rundschau“ ihr ursprüngliches Domizil hatte, ist in den vergangenen Jahren das Palais-Quartier entstanden. Aus dessen Mitte erheben sich von weithin sichtbar die Hotel- und Bürotürme mit ihren markanten, leicht geschwungenen und verglasten Außenhüllen, die - wie das rekonstruierte frühere barocke Stadtschloss - das Palais von Thurn und Taxis - bis Ende des Jahres fertiggestellt sein sollen.

„Großzügig, modern und sehr hell“

„Ein neues Shopping-Gefühl“ erleben die Kunden in MyZeil, sagt Steffen Höhn, Director Leasing, Marketing & Facility Management bei der MAB Development Deutschland GmbH, die gleich um die Ecke in der Schillerstraße sitzt: „MyZeil ist großzügig, modern und sehr hell. Die Architektur fasziniert jeden, und wir legen großen Wert auf Service. Der Kunde muss nicht durch die Gegend rennen, sondern findet alles bei uns: Das Fitnessstudio, die Reinigung, das Parkhaus, den Uhrmacher, eine Kinderbetreuung und natürlich eine Vielfalt an nationalen und internationalen Top-Mode-Marken und interessanten Restaurants. Das kommt sehr gut an.“ Steffen Höhn sieht das Zentrum „als modernen Marktplatz, der stetig in Bewegung bleibt“.

Große Erwartungen waren und sind an die Eröffnung von MyZeil sowie an die Umgestaltung der Zeil samt Hauptwache geknüpft. Offenbar trotzen die Frankfurter und die vielen Besucher der Stadt der Wirtschaftskrise. Schon zwei Wochen nach Eröffnung von MyZeil kam der millionste Besucher in das Zentrum. Nach wie vor seien die Kundenzahlen hoch, so MAB-Manager Höhn, was er vor allem dem „Dreiklang aus internationalen Topmarken, ausgezeichneten Serviceleistungen und einer atemberaubenden Architektur“ zuschreibt, der offenbar den Nerv der Zeit treffe. MyZeil sei eine „zeitgemäße Einkaufsstätte, in der das Erlebnis im Vordergrund steht“.

Frankfurter Goethestraße auf Platz zwei der Luxusmeilen

Auch unabhängig von der Einschätzung des Bauherrn hat die Zeil seit Eröffnung des gläsernen Shopping-Paradieses wieder einiges an Boden gut gemacht. Jedenfalls landete die Frankfurter Einkaufsmeile bei einer Mitte Juni veröffentlichten Zählung auf Platz zwei der am meisten besuchten Einkaufsstraßen in Deutschland. Kemper's Jones Lang LaSalle, die deutsche Handelsimmobiliensparte des internationalen Beratungsunternehmens Jones Lang LaSalle, hatte an einem Samstag im April zeitgleich die Passantenzahlen in den 170 wichtigsten deutschen Einkaufsmeilen gemessen. Auf die Kaufingerstraße in München, die auf Platz eins kam, folgte die Frankfurter Zeil mit 12.940 (2008: 11.420, Platz drei) Passanten auf Rang zwei und „profitiert von der Anziehungskraft des neu eröffneten Shopping-Centers MyZeil“, so die Einschätzung des Beratungsunternehmens. Und auch bei den Luxusmeilen landete die Frankfurter Goethestraße hinter der Düsseldorfer Kö auf dem zweiten Platz.

Renate Bug, Verkaufsleiterin beim traditionsreichen Haushaltswarengeschäft Lorey, freut sich über die Kundenströme, die wegen MyZeil auf die Große Eschenheimer Straße gelenkt werden.

Was Kemper's Jones Lang LaSalle Jones anhand von Zahlen deutet, stimmt zum überwiegenden Teil mit der subjektiven Wahrnehmung von Einzelhandelsvertretern und Geschäftsinhabern in der Frankfurter City überein. „MyZeil hat einen Abstrahleffekt, von dem die ganze Zeil und die umliegenden Geschäftsstraßen profitieren“, stellt Frank Albrecht fest, Präsident des Hessischen Einzelhandelsverbandes. Zufrieden über die Entwicklung hätten sich ihm gegenüber auch die großen Warenhäuser geäußert. Nach seinen Beobachtungen habe sich die Besucherstruktur dahingehend verändert, dass Kunden, die mehr Geld in der Tasche haben, wieder verstärkt die Zeil und MyZeil aufsuchen. Nach seiner Einschätzung habe die Eröffnung des neuen Einkaufszentrums „keine negativen Auswirkungen“ auf den übrigen Einzelhandel in der City gehabt.

Albrecht hat den Vergleich: Immerhin hat der Inhaber der traditionsreichen, 1732 gegründeten Parfümerie Albrecht neben seinen Geschäften in der Goethestraße und auf der Fressgass‘ noch eine dritte Dependance in MyZeil eröffnet, die bereits floriere und ihm in den übrigen Läden keine Einbußen beschert habe: „Wir wachsen zum Erfolg hin.“

Auch Steffen Höhn sieht in MyZeil „ein Zugpferd für die Zeil. Wir erweitern das Angebot in der Innenstadt auf optimale Weise“, was regional und international die Besucher anlocke.

Mehr Laufkundschaft in der Großen Escheinheimer Straße

Die einzigartige Architektur gepaart mit dem Angebot von Marken, die bislang in Frankfurt noch nicht vertreten waren, macht auch für City-Manager Heinz Schmitz vom „City-Forum Pro Frankfurt“ den besonderen Reiz der neuen und erlebnisorientierten Shopping-Mall aus, von der die gesamte Frankfurter Innenstadt profitiere und die sich zunehmend auch als Touristenmagnet erweise.

Positiv habe sich die Eröffnung von MyZeil und der darunter liegenden Tiefgarage, die über 1390 Stellplätze verfügt, auf das alteingesessene Haushaltswarengeschäft Lorey (Schillerstraße/Große Eschenheimer Straße) ausgewirkt, konstatiert eine zufriedene Verkaufsleiterin: „Die Einfahrt zum Parkhaus ist direkt uns gegenüber, sodass die Fußgänger geradewegs auf uns zukommen“, sagt Renate Bug. Auch die Passanten, die den Weg durch MyZeil - der Zeil und Große Eschenheimer diagonal verbindet - nehmen und am Palais Thurn und Taxis herauskämen, würden direkt auf Lorey zusteuern.

Mehr Laufkundschaft, die an den großen Schaufenstern vorbeigehen und dann auch den Laden betreten, registriert ebenso Olaf Wittig, stellvertretender Filialleiter des Outdoor-Ausstatters Sine an der Großen Eschenheimer Straße. „Wir hatten hier vier Jahre Baustelle vor der Haustür, die wir einigermaßen überstanden haben. Dafür haben die Menschen jetzt mehr Platz und Ruhe zum Flanieren - auch dank der gesperrten Durchfahrt an der Hauptwache.“ Noch schöner und reizvoller werde der Straßenzug, sobald der Platz am Eschenheimer Turm fertig gestaltet sei, ist Olaf Wittig überzeugt. Skeptisch steht indes Andreas Bovet von „Betten Raab“ und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Schillerstraße der Verkehrssperrung Hauptwache gegenüber. Kunden, die mit dem Auto aus dem Süden kämen, würden sich über kompliziertere Anfahrtswege beschweren. „Meine Kunden kommen mit dem Auto, da sie größere Sachen transportieren müssen. Für sie ist es schwieriger geworden“, sagt Bovet.

Neu gewonnenen Platz an der Hauptwache attraktiv herausputzen

Derweil ist Frank Albrecht ein Bekehrter - zumindest, was die gesperrte Durchfahrt an der Hauptwache betrifft. Der Einzelhandelspräsident war über Jahre ein Gegner dieser Sperrung, da er befürchtete, dass motorisierte Kunden künftig die City meiden und sich lange Staus bilden würden. Das Gegenteil sei nach der Sperrung im Februar eingetreten, gibt Albrecht freimütig zu und möchte dem zuständigen Verkehrsdezernenten Lutz Sikorski (Die Grünen) für seine weitsichtige Entscheidung „auf die Schulter klopfen“.

Dessen ungeachtet fordert Albrecht aber, zügig den neu gewonnenen Platz an der Hauptwache zu möblieren und attraktiv herauszuputzen.

Auch für City-Manager Schmitz ist MyZeil ein - wenn auch großer - Mosaikstein im gesamten Umgestaltungsprozess der Frankfurter City. Denn noch sind die Bauarbeiten an den übrigen Gebäuden des neuen Palais Quartiers nicht abgeschlossen. Das Thurn und Taxis Palais und der Büroturm eröffnen Ende 2009, das Hotel Mitte 2010. „Besonders stolz sind wir auf das Hotel Jumeirah Frankfurt. Die weltbekannte Hotelgruppe Jumeirah, die in Dubai mit dem Burj Al Arab das wohl luxuriöseste Hotel der Welt betreibt, hat in Frankfurt erstmalig den deutschen Markt betreten“, erklärt MAB-Manager Steffen Höhn.

Quelle: op-online.de

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