Theatermacher Willy Praml zeigt Anna Seghers´ „Transit“

Zwangslage im Nadelöhr

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Gestrandet in Marseille, verdammt zum Warten auf eine Schiffspassage in die freie Welt - Szene aus der Frankfurter Inszenierung.

Offenbach - Das Rhein-Main-Gebiet ist eine Transitregion. Passend dazu hat der Kulturfonds Frankfurt RheinMain das Thema „Transit“ zum thematischen Schwerpunkt auserkoren. Von Carsten Müller

Gefördert wird unter anderem eine Theaterarbeit in der Frankfurter Naxoshalle, die sich mit der Situation von Flüchtlingen beschäftigt. „Heute haben in einer Stadt wie Frankfurt fast 70 Prozent der Unter-Sechsjährigen einen Migrationshintergrund, die Gesellschaft ist fundamental postmigrantisch und transnational“, konstatiert der Forscher Mark Terkessides in einem der vorbereitenden Workshops zum „Transit“-Schwerpunkt. Dort wurde unter anderem untersucht, welche Rolle diese Entwicklung für einen Kulturbetrieb spielt, der oft noch national ausgerichtet ist. Und dabei kam man auch immer wieder auf Anna Seghers’ Roman „Transit“ zu sprechen, der angesichts der virulenten Flüchtlingsproblematik von hoher Aktualität ist.

Einer, der Seghers’ Werk kennt und die mit dem Büchnerpreis ausgezeichnete Autorin („Das siebte Kreuz“) noch persönlich getroffen hat, ist der Frankfurter Theatermacher Willy Praml. Sein Ensemble habe sich „angesichts der sich zuspitzenden Lage“ seit längerem mit der Idee getragen, Seghers’ Roman auf die Bühne zu bringen. Am 27. August feierte die Dramatisierung des niederländischen Regisseurs Paul Binnerts in der Naxoshalle Premiere, als Koproduktion mit dem Frankfurter Wu Wei Theater.

„Es geht uns um die historische Parallele“, erläutert Praml. „In dem während der Nazidiktatur spielenden Roman waren es deutsche Flüchtlinge, die im Schmelztiegel Marseille auf eine Schiffspassage in die freie Welt gewartet haben, wo sie um Asyl bitten wollten.“ Diese „Zwangslage im Nadelöhr“ sei die „wahnsinnig aktuelle Parallele“ des Seghers-Textes zur heutigen Lage der Flüchtlinge in Europa. „Stell Dir vor, Du hast es erreicht, Dein Visum, Dein Transit, Du bist reisefertig, hast Dich von allen Deinen Lieben verabschiedet, Dein Leben hinter Dir gelassen und dann . . . verweigert man Dir den Ausreisestempel“, heißt es dazu in der Ankündigung.

Paul Binnerts und Willy Praml kennen sich schon seit den 1970er Jahren, als sie in der staatlichen hessischen Jugendbildungsstätte Dietzenbach gemeinsam Theaterformen für Gastarbeiterkinder erprobt haben. Binnerts ist der Frankfurter freien Szene zudem als Regisseur der „Schlicksupp teatertrupp“ verbunden, die seinerzeit aus dem Ensemble des Frankfurter Theaters am Turm hervorgegangen war und deren Mitglieder Angelika Sieburg und Andreas Wellano heute das Wu Wei Theater bilden.

Flucht ist für Praml ein „Menschheitsthema“, das im Theater ganz selbstverständlich seinen Platz hat. „Deutschland hat auch eine gigantische Flüchtlingsgeschichte hinter sich“, verweist Praml auf die Flüchtlingsströme nach dem Zweiten Weltkrieg. „Bei aller Tragik und Hässlichkeit war es dennoch ein gelungener Akt, 18 Millionen Menschen eine neue Heimat bieten zu können.“ Diese Konstellation sei der Hintergrund für ein Projekt, das langfristig in den Spielplan des Praml-Theaters aufgenommen werden soll. Der Theatermacher will dazu Aufnahmeeinrichtungen für unbegleitete Jugendliche aufsuchen und mit den Flüchtlingen ein Stück erarbeiten, das Sagen, Mythen und Märchen aus den Herkunftsländern und der Rhein-Main-Region miteinander verbindet.

Es ist freilich nicht das erste Mal, dass sich Praml mit dem Thema Flucht beschäftigt. So wurde in der Produktion „Von Mogadischu an den Main“ die Lebensgeschichte eines somalischen Jungen, der vor dem Bürgerkrieg nach Frankfurt geflohen ist, auf die Bühne gebracht - mit der Hauptfigur Baroon Abdi Mohamudin in der Hauptrolle, der seinem Traum, Schauspieler zu werden, nun auch dank des Theaters Willy Praml näher gekommen ist.

Rund 80 Kulturschaffende aus den am Kulturfonds beteiligten Kommunen haben sich an der Vorbereitung des Themenschwerpunkts „Transit“ beteiligt, in dessen Rahmen bis 2017 Projekte gefördert werden. Julia Cloot, Kuratorin beim Kulturfonds, ist hoch erfreut darüber, wie „toll das Thema der Workshops weiterverarbeitet wurde“. Unter den zwölf bereits geförderten Projekten ist auch das von Willy Praml, der sich, so Cloot, intensiv an den Workshops beteiligt hat. Der Brückenschlag zwischen Theorie und Praxis funktioniert ganz offensichtlich.

Quelle: op-online.de

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