Zwei Flüchtlingsschicksale aus Frankfurt

Es geht ums Überleben

Frankfurt - Laut UN-Flüchtlingsreport befanden sich Ende 2014 rund 2,59 Millionen Afghanen auf der Flucht, die zweitgrößte Gruppe nach den Syrern. Hinter den Zahlen verbergen sich dramatische Geschichten - wie sie ein Musiker und ein Journalist zu erzählen haben. Von Peter Klein

Zuflucht in Frankfurt: Ustud Ghulam Husain gehört zu den besten Robab-Spielern der Welt. Seine Heimat musste er verlassen, weil Musik dort zunehmend als unislamisch gilt.

Wer den Namen Ustud Ghulam Husain bei YouTube eingibt, findet ihn sofort. Der 56-Jährige gehört zu den besten Robab-Spielern der Welt. Aufgewachsen im Musikerviertel Kabuls, lernte er den Umgang mit dem afghanischen Nationalinstrument schon als kleines Kind vom Vater. Er spielte bereits in London und Paris, trat 2012 in Weimar, Berlin und Bonn auf. Aus Angst um sein Leben hat er sich nun entschlossen, nicht in sein Heimatland zurückzukehren. Er lebt in einer Frankfurter Flüchtlingsunterkunft. Ghulam sitzt in einem Kellerraum des Hilfsvereins ZAM, der sich um traumatisierte afghanische Frauen kümmert, sein geliebtes Instrument auf den Beinen. Nadia Qani, die einen Pflegedienst betreibt und für ihr soziales Engagement bereits mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde, hat ihm angeboten, in den Räumlichkeiten zu üben. Im Gegenzug hilft seine Musik traumatisierten Frauen, Entspannung zu finden.

An diesem Tag sitzt ihm ein in Afghanistan bekannter Fernsehjournalist gegenüber. Seinen Namen will dieser nicht nennen, und auch über die Einzelheiten seines Schicksals nicht ausführlich berichten, das habe er beim Bundesamt für Migration gemacht, und das sei schwer genug gefallen. Er zeigt Fotos. Auf einem ist er im Interview mit Ex-Präsident Karsai zu sehen, auf einem anderen sitzt er in einer Veranstaltung mit dick bandagierter Hand. „So wird dir klar gemacht, wenn jemandem dein Bericht nicht gepasst hat“, sagt der Journalist. Man habe ihm den Finger solange nach hinten gebogen, bis er gebrochen ist.

Über die Vorstellung, dass Kabul sicher sei, können beide nur lachen. „Wenn es die Taliban schaffen, eines der am besten gesicherten Hotels des Landes zu stürmen, wie am 19 Mai, dann haben sie Helfer bis in allerhöchste Kreise“, sagt Ghulam Husain. Zunächst habe er ja noch auf die neue Regierung gehofft, aber dann wurden die Bedrohungen von radikalen Islamisten, die Musik als unislamisch ansehen, zu groß.

Bereits unter den Mudjaheddin musste Ustud Ghulam Husain das Land verlassen, auch diese hatten Musik als unislamisch verurteilt. Er ging nach Pakistan, trat im Radio und Fernsehen auf, eröffnete ein eigenes Studio und eine Musikschule. 2002, nach dem Einmarsch der alliierten Truppen, kehrte er mit viel Hoffnung in seine Heimat zurück. Die Aga-Khan-Stiftung hatte eine Musikschule eröffnet und suchte dafür die besten Musiker.

Nach dem Abzug der internationalen Truppen aber spitzte sich die Lage für den Musiker und seine Angehörigen zu. Bereits dreimal habe seine versteckt lebende Familie seit seinem Asylantrag die Unterkunft wechseln müssen.

Der Fernsehjournalist hofft, dass sein Asylantrag bald anerkannt wird, er wieder arbeiten und seine Familie zu sich holen kann. Er spricht Englisch, Dari, Paschtu, Urdu und Arabisch. Gern habe er seine Frau und seine vier Kinder nicht zurückgelassen. Dann beginnt er doch zu erzählen: Er war mit sechs anderen Journalisten auf dem Weg in die nur 60 Kilometer von Kabul entfernte Provinz Lugar, als sie in eine Polizeikontrolle gerieten. Da er ahnte, dass irgendetwas nicht stimmt, habe er seine Papiere im Fahrzeug versteckt.

Tatsächlich waren die Kontrolleure als Polizisten getarnte Taliban Seine Kollegen, die ordentlich ihre Papiere zeigten, wurden direkt vor seinen Augen erschossen. Ihn habe man geprügelt, da die Taliban nicht glaubten, dass er keine Papiere habe. Der Journalist überlebte, nahm seine Ersparnisse und kaufte sich für 20.000 Dollar ein gefälschtes Visum. Über Istanbul kam er nach Frankfurt. Wieder arbeiten zu können und sich und seine Familie in Sicherheit zu wissen, das sei ihm das Wichtigste.

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © Peter Klein

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