Zwerg wurde zum Riesen

+
König auf Kinderroller: Die Inszenierungen warten immer wieder mit originellen Regieeinfällen auf.

Seit 1. Juli 2006 ist Hanau Millionenstadt. Damals wurde der einmillionste Besucher bei den Brüder-Grimm-Märchenfestspielen begrüßt. Ein Festival, dessen Erfolgsgeschichte genauso märchenhaft ist wie das, was alljährlich im Amphitheater bei Schloss Philippsruhe auf die Bühne gebracht wird. Von Christian Spindler

Mit 8 500 Zuschauern starteten die Festspiele 1985 in vergleichsweise bescheidenem Rahmen. Und auch, wenn sich Hanau bis dato bei der Landesregierung vergeblich um den offiziellen Titel Festspielstadt bemüht hat, richtet die Geburtsstadt der weltberühmten Germanisten und Märchensammler die von den Besucherzahlen her erfolgreichsten Festspiele in ganz Hessen aus - noch vor Bad Hersfeld. In der nun bevorstehenden Jubiläumssaison will das 93000 Einwohner zählende Hanau ganz besonders „das Gefühl vermitteln, dass wir Festspielort sind“, unterstrich unlängst Oberbürgermeister und Kulturdezernent Claus Kaminsky.

Zum 200. Geburtstag von Jacob und Wilhelm Grimm waren die Festspiele 1985 aus der Taufe gehoben worden. Auf Festzeltbänken saßen die Zuschauer seinerzeit im Park von Schloss Philippsruhe und sahen „Rumpelstilzchen“ und „Rotkäppchen“. Gerade mal acht Schauspieler traten damals auf. Heute gehören mehr als zwei Dutzend zum Ensemble, dazu einige Statisten. Rund 100 Mitarbeiter vor und hinter der Bühne machen in Hanau jedes Jahr zehn Wochen lang Freilichttheater.

Das Einhorn ist das Wappentier der Festspiele. Zum Jubiläum gibt es auch eine limitierte original „Steiff“-Edition.

Was als Versuch begann, wurde schon nach wenigen Jahren zur „kulturellen Institution“, stellte der damalige Kulturdezernent Klaus Remer bereits Ende der 80-er Jahre fest. Mittlerweile gibt es jedes Jahr vier große Inszenierungen, darunter ein Musical mit Liveband, und ein Rahmenprogramm, das von Ballett-Aufführungen bis zu schrillen Märchen-Comedy-Lesungen reicht. Die Idee für die Festspiele hatte vor 25 Jahren Henrik Helge. Der Hanauer war als Schauspieler, Autor und Regisseur an vielen Bühnen tätig. 1992 übernahm Dieter Stegmann, als Bühnenbildner, Autor und Regisseur von Anfang an dabei, die Intendanz. Er prägte die Festspiele wie kein Zweiter. „Märchen enthalten Volksweisheiten und machen Mut“, lautet das Credo des 65-Jährigen. Sie seien aktueller denn je und lieferten auch „eine Art Lebenshilfe“. In der Jubiläumssaison kehrt Stegmann ins Hanauer Amphitheater zurück, wird nochmals ein Schauspiel inszenieren.

Ein gewaltiger Schub vom bisweilen improvisierten und beschaulichen Märchenfestival im Schlosspark hin zu ausgewachsenen Festspielen kam mit dem Umzug ins schmucke Amphitheater, das 2002 zur Landesgartenschau gebaut wurde und mit seinem weißen Kuppeldach und Schlossblick zu den schönsten Spielstätten im Rhein-Main-Gebiet gehört.

84 100 Besucher sahen im Vorjahr die Hanauer Märchen-Inszenierungen: neuer Rekord. Die Auslastung des 1300 Besuchern Platz bietenden Theaters will man gleichwohl erhöhen, hatte Kulturmanager Klaus-Dieter Stork bereits in der Vergangenheit erklärt. Sie liegt mit statistischen 60 Prozent pro Aufführung unter dem Wert anderer Festivals. Vorteil für die Besucher: Mit Ausnahme der Wochenenden in der zweiten Festspielhälfte bekommt man fast immer auch kurzfristig vor Ort noch Karten, wenn auch nicht mehr in den guten Kategorien. Die Preise sind mit 6 bis 15 Euro vergleichsweise günstig.

Insgesamt 80 Inszenierungen wurden bei den Brüder-Grimm-Festspielen bis dato gezeigt, 20 davon als Musical. Dieter Gring, der 2007 die Festspielleitung übernahm, wird nicht müde zu betonen, dass es sich bei allen Bühnenfassungen um Uraufführungen handelt, auch wenn einige Märchen im Laufe der 25 Spielzeiten schon mehrfach auf dem Spielplan standen; allen voran die bekanntesten der 210 Geschichten aus der Grimmschen Sammlung wie „Dornröschen“, „Aschenputtel“ oder „Rumpelstilzchen“, letzteres mit vier Inszenierungen Festspiel-Spitzenreiter.

Anfang des Jahrzehnts attestierten Kritiker den kontinuierlich wachsenden Festspielen eine gewisse Stagnation, vor allem in künstlerischer Hinsicht. Unter Grings Leitung kam frischer Wind ins Festival. Der 38-Jährige versteht sich als behutsamer, aber hartnäckiger Neuerer. Er krempelte das eher biedere Bühnenbild um, verpflichtete neue Regisseure, ließ Stücke speziell für Kinder schreiben, will aber auch verstärkt die Jugend ansprechen. Mit Erfolg. „Es kommen mehr Erwachsenen und Jugendliche als früher“, sagt Gring. Und: „Das Publikum ist reifer geworden für Neuerungen.“

In einer der Inszenierungen kommt Rumpelstilzchen in Hanau schon mal wie eine Protagonist der Teenie-Band „Tokio Hotel“ daher, oder es wird der Einzug der Königs karikiert, indem der Potentat und seine Gefolge kurzerhand auf Rollern fahren müssen. Und im diesjährigen Musical „Dornröschen“ werden drei Feen im Stil des Soul-Trios „Supremes“ durchs Märchenland toben, kündigt Komponist Alexander S. Bermange an.

Das Musical ist im Vorverkauf schon jetzt der Renner unter den vier Stücken und dürfte wohl auch am Ende die meisten Zuschauer haben. Die bekannten Märchen sind nun einmal die zugkräftigsten, die künstlerischen Möglichkeiten aber auch am geringsten, „weil die Besucher die Geschichten eben gut kennen und viele sie ganz genau so auch auf der Bühne erwarten“, sagt der Intendant. Bei unbekannteren Märchen werde es eher akzeptiert, wenn die Autoren etwa Figuren hinzufügen. Der Festspielleiter hat neben „Dornröschen“ im Jubiläumsjahr mit „Der alte Sultan“ und „Das blaue Licht“ zwei weniger bekannte Märchen auf den Spielplan gesetzt, dazu mit „Cassandrino, der Meisterdieb“ erstmals ein Märchen ausländischen Ursprungs. Die im 15. Jahrhundert von Giovanni Francesco Straparola aufgeschriebene Geschichte über den „gerechten Dieb“ aus Perugia fand 1812 Eingang in die Grimmsche Sammlung. Gring will damit den Hanauer Festspielen italienische Momente und ein bisschen Comedia dell’Arte bescheren, vor allem aber zeigen, dass Märchen in verschiedenen Kulturen um ähnliche Themen kreisen und die Handlungen sich zum Teil verblüffend ähneln. Einen „Beitrag zum interkulturellen Dialog“ nennt Gring das.

Den haben die Hanauer Festspiele auch auf andere Weise aufgenommen: mit Gastspielen. Es gibt nicht nur eine seit zwei Jahren währende Kooperation mit dem Freilichtmuseum „Hessenpark“, das Märchen-Ensemble gastierte auch schon im japanischen Tottori, und für nächstes Jahr sind Auftritte in der russischen Partnerstadt Jaroslawl geplant. Aus dem einstigen Zwerg ist längst ein Riese geworden. Die Brüder-Grimm-Festspiele, die jährlich mit 330 000 Euro aus der Stadtkasse alimentiert werden, stemmen mittlerweile einen Millionen-Etat. Und sie haben Hanau nicht nur zur Millionenstadt in Sachen Festspiel-Besucher gemacht, sondern sind das wichtigste kulturelle Aushängeschild der Stadt, die so lange gegen ihren Ruf ankämpfte.

Quelle: op-online.de

Kommentare