Zwischen Befunden und Befinden

Bruno Pockrandt arbeitet als Klinikseelsorger in Frankfurt.

Frankfurt/Rhein-Main - Die Menschen sprechen nicht gern über den Tod, schon gar nicht über den eigenen. Für Bruno Pockrandt gehört das Thema seit Jahren zum Alltag: Er ist Seelsorger im Frankfurter Krankenhaus Nordwest. Über sein Buch „Zwischen Befunden und Befinden“ (Edition Chrismon) sprach mit ihm unser Redaktionsmitglied Peter Schulte-Holtey.

Seelenlose Hochleistungsmedizin, Profitcenter, Ausbeutung für Ärzte und Pflegepersonal ... Immer wieder müssen sich Krankenhäuser mit schweren Vorwürfen auseinandersetzen. Wie haben Sie denn Kliniken kennen gelernt?

Das Buch, das ich geschrieben habe, ist kein Buch gegen eine bestimmte Klinik und schon gar nicht gegen die Menschen, die in den verschiedenen Professionen in der Krankenhauswelt arbeiten. Es ist eher ein erfahrungsfundiertes Einstehen für die Subjektrolle von Patienten und Patientinnen und den für sie arbeitenden Professionellen. Diese droht abhanden zu kommen in einem System, in dem für die Menschen, um deretwillen dieses System überhaupt unterhalten wird, immer weniger Zeit zur Verfügung steht. Der christlichen Botschaft zufolge lädt Gott uns ein, die Dinge zu gebrauchen und die Menschen zu lieben. Manche Entwicklungen scheinen mir diese Option allerdings geradezu auf den Kopf zu stellen. Ich bin überzeugt, dass die in der klinischen Arena am Kampf gegen den Tod Beteiligten durch die hohen Belastungen und die wechselseitige Verschränkung dieser Belastungen kaum eine Chance haben, schadlos aus dieser Arena herauszukommen.

Ärgert Sie der kommerzielle Betrieb in Krankenhäusern?

Wenn es nur um meinen Ärger ginge, ließe sich das vielleicht verkraften. Es geht um entschieden mehr. Die ökonomische Dimension scheint mir andere wesentliche Dimensionen wie die personale, die kommunikative und vor allem die ethische Dimension allzu sehr zu überlagern. Wenn die reibungslos funktionierende effiziente Klinik die perfekte Klinik ist, dann mutiert das Krankenhaus zu einem seelenlosen Betrieb, in dem das Humanum in Gefahr ist. Die Debatte darüber können wir nicht den Betriebswirtschaftlern überlassen, unsere Gesellschaft muss sich diesem Problem stellen. Theoretisch könnten Roboter die Sonden für demenzkranke Patienten kontrollieren. Die Frage ist doch, ob wir das wollen können?

Wie reagieren Pfleger und Ärzte auf Ihren Einsatz? Gibt es in der Hektik des Alltags denn noch ausreichend Zeit für Gespräche?

Ich erlebe im Großen und Ganzen eine große Offenheit unserer Arbeit als Seelsorger gegenüber, die dort, wo über längere Zeit interdisziplinäre Erfahrungen gemacht werden können, eine fruchtbare Zusammenarbeit ermöglicht. Wo wir zusammen arbeiten, können wir voneinander lernen. Dabei haben wir in unserer Berufsrolle vielleicht das Privileg, glaubhaft Zeit anbieten zu können. Das ist in diesem Maße bei den Professionellen in Medizin und Pflege durch den wachsenden Druck so nicht der Fall. Da wir uns als Krankenhausseelsorger verstehen, gilt unser Angebot eben auch für die Beschäftigten.

Wie begegnen Ihnen Patienten? Welche Veränderungen stellen Sie fest - stoßen Sie gar auf mehr Offenheit als früher?

Unsere Seelsorge vertritt ein offenes Angebot, das an der Situation und der Selbstbestimmung des Patienten ansetzt. Die Erfahrungen, als Gesprächspartner abgelehnt zu werden, weil ich von der Kirche komme, kann ich pro Jahr an einer Hand abzählen. Das liegt, denke ich, an der Tatsache, dass in einer so spezifischen Situation, wie sie der Patient durchlebt, unabhängig von der religiösen oder weltanschaulichen Verortung des Einzelnen ganz wesentliche Lebensfragen im Raum stehen: Integration des Erlebten und Erlittenen in die Lebensgeschichte, Verarbeitung von Angst und Schuld, Einsamkeit oder auch drohendem Abschied.

Macht es Sie traurig, wenn ein Patient sagt: „Erzählen Sie meiner Frau bloß nicht, dass ich sterben muss“?

Ich erlebe manchmal, wie Menschen aus vermeintlicher Rücksicht aufeinander in der letzten Phase des gemeinsamen Lebens ihre unmittelbare Vertrautheit preisgeben. So spielen sie aus besten Beweggründen einander ein schmerzhaftes Theater vor und verpassen gerade dadurch die Möglichkeit, die letzte Wegstrecke miteinander zu gehen. Das finde ich schade. Wo ich - unbeschadet der Freiheit der Betroffenen - die Möglichkeit dazu erhalte, versuche ich, den Blick für ein transparentes Miteinander zu weiten.

Sie hatten tausende Begegnungen mit Sterbenskranken in Ihrem Beruf. Wie verarbeiten Sie die vielen menschlichen Dramen?

Zuweilen gut, zuweilen weniger gut. Dafür gibt es auch kein Rezept. Die immer wieder neu einzuübende Balance zwischen helfender Nähe und schützender Distanz verdient höchste Aufmerksamkeit. Wesentliche Kraftquellen sind mir das Gebet, tragfähige private Beziehungen in meiner Familie, ein kollegiales und solidarisches Team in der Klinik und dann auch die Inanspruchnahme von Unterstützungssystemen wie Supervision oder anderer qualifizierter professioneller Begleitung.

Quelle: op-online.de

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