Zeitgenössischer Tanz erobert die Bühnen

Zwischen Show und Spiel

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Das Eröffnungsstück „Not Punk, Pololo“ feierte im Frankfurter Schauspiel den popkulturellen Austausch.

Frankfurt/Offenbach - Die Tanzplattform Deutschland gastiert in der Region und bringt neue Köpfe und Choreographien auf hiesige Bühnen. Auch die Alte Schlosserei der EVO wird dabei zum Experimentierfeld. Von Stefan Michalzik 

Im Kern handelt es sich um eine Tanzshow. Laut, bunt, knallig. Nicht besonders spektakulär indes. Das Stück „Not Punk, Pololo“, mit dem Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen die zwölfte Tanzplattform Deutschland eröffnet haben, feiert in einer flockigen Art die Begegnung der Kulturen in Musik, Tanz und Moden. John Pololo ist ein mythisch umwobener Gangster von der Elfenbeinküste, in den achtziger Jahren war er dort ein popkulturelles Vorbild, vergleichbar mit den Gangstarappern, mit einem anhaltenden Einfluss auf den Streetdance.

Weit und leer ist die Bühne im Frankfurter Schauspiel. Ein Solistenensemble von 13 schwarzen und weißen Tänzern und Musikern bringt seine jeweiligen kulturellen Spezifika vor. Der ivorische Tänzer Gotta Depri huldigt Gott, die Berlinerin Jule Flierl preist Techno als in einer gottgleichen Weise omnipräsent. Eine feste Figur in den interkulturellen Stücken von Gintersdorfer und Klaßen ist ein Übersetzer. Hauke Heumann tut singend und – als Nichttänzer – tanzend mit; er wirkt als Übersetzer auch im übertragenen Sinn und trägt immer wieder Diskurspartikel um die Geschichte des zeitgenössischen Tanztheaters und um Fragen zu Kulturen und Gender ein. Die Szenen reihen sich ohne erzählerischen Faden aneinander.

In einer zündenden und ungezwungenen Art bringen die fünf Musiker Elektropunk – an den Keyboards: Ted Gaier von der Hamburger Band Die Goldenen Zitronen –, die ivorische Version von HipHop, und queeren Folk zusammen. Ungeachtet von humorvoll inszenierten Zusammenstößen ist der in der Ankündigung beschworene „Clash de luxe der Popkulturen“ von milder Art. Irgendwann werden die Zuschauer auf die Bühne geladen, es wird ein großes Fest gefeiert, im Sinne einer gelebten Utopie. Das ist plakativ. Choreografen im herkömmlichen Sinne sind Gintersdorfer und Klaßen nicht, es handelt sich um kuratierten Tanz. Die Show ist aktionsreich, gleichwohl gibt es zum Schluss der anderthalb Stunden Leerlauf. Um eine Großtat des Tanzes handelt es sich nicht.

Diesmal erstreckt sich die zum zweiten Mal nach 1996 vom Frankfurter Mousonturm ausgerichtete Leistungsschau des Tanzes in Deutschland über die Region. Spielort des Stücks „On Trial Together“ von den beiden in Berlin lebenden Serben Ana Vujanovic und Sasa Asentic ist die alte Schlosserei der Energieversorgung Offenbach. Stück? Es lässt sich vielmehr von einer Spielanordnung sprechen. Partizipation ist derzeit eine Tendenz im Tanz, die Zuschauer sollen also mittun.

Nach einem in Barockperücken abgehaltenen Prolog mit (selbst-)ironischen Bemerkungen über die Tanzszene stellen Vujanovic und Asentic es den Zuschauern anheim, unter verschiedenen Angeboten zu wählen. Ein Rückblick auf die Geschichte des zeitgenössischen Tanzes ist wählbar, im Amusement Parc werden Brettspiele angeboten. Das Gros des Publikums indes entscheidet sich für eine sogenannte Simulation: Vier Gruppen bekommen eine Aufgabe gestellt, beispielsweise soll in einem Tableau vivant Solidarität dargestellt werden.

Aufgeführt werden diese Bilder hinterher nicht. Stattdessen gibt es ein Schneckenrennen mit Wettmöglichkeit. Das hat seinen Charme, keine Frage. Aber warum das? In den Gruppen entwickelt sich tatsächlich eine Dynamik der gemeinschaftlichen Interaktion. Das brauchte aber nicht bewiesen zu werden. Das Ganze lässt sich unter dem Stichwort Gesellschaftsspiele einordnen, es findet seine Freunde. Angestrebt haben Vujanovic und Asentic eine Untersuchung demokratischer Prozesse. Ein Zugewinn an Erkenntnis ist nach zweieinhalb Stunden nicht fasslich. Ein bisschen Jux & Dollerei ist zu wenig.

Quelle: op-online.de

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