Fahrbericht

Audi e-tron: Kann der Elektro-SUV Tesla Konkurrenz machen?

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Wir haben den Audi e-tron in Abu Dhabi auf seine Geländetauglichkeit geprüft.

Das ist so wie heiraten, ohne dass man die Braut kennt: 20.000 Kunden haben schon "ja" gesagt zum ersten voll elektrischen Audi ohne ihn live gesehen, geschweige denn gefahren, zu haben. Wir waren mit dem Elektro-SUV namens e-tron schon unterwegs und haben den Tesla-Jäger getestet.

Die Braut, die sich traut, traut sich ziemlich spät. Im Jahr zwölf nach dem ersten Elektro-Tesla (ein reiner Roadster anno 2006 übrigens) haben nun auch die Audianer aus Ingolstadt eine Antwort auf die emissionsarmen Anforderungen der Neuzeit. Mit dem e-tron wurde ein komplett neues Auto entwickelt und nicht nur ein herkömmliches Fahrzeug "nur" elektrifiziert. Dass man sich einen SUV ausgesucht hat, ist angesichts der immer noch wachsenden Absatzzahlen in diesem Segment nur logisch. Jaguar hat es mit dem E-Pace vorgemacht, Mercedes hat mit dem EQC ebenfalls einen Elektro-SUV vorgestellt. Und das futuristische Modell X von Tesla ist ja auch eher ein SUV als eine Limousine.

Audi e-tron: 408 PS beschleunigen den SUV in 5,7 Sekunden auf Tempo 100

Zwei E-Maschinen an Vorder- und Hinterachse mit einer Systemleistung von 408 PS bringen den 2,5-Tonner von Audi in 5,7 Sekunden von 0 auf Tempo 100 (Höchstgeschwindigkeit 200 km/h). Die rund 700 Kilogramm schwere Batterie (Kapazität 95 kWh) ist komplett im Unterboden der Fahrgastzelle untergebracht, sorgt für einen tiefen Schwerpunkt und damit für sportliches Fahrverhalten.

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Wie weit reicht der Akku des Audi e-tron wirklich

Sie hält bis zu 400 Kilometer. Angeblich. Denn beim Fahrtest war bei knapp 300 Kilometern und einem Verbrauch von rund 30 Kilowattstunden pro 100 Kilometer Schluss. Zum einen ist das der dynamischen Fahrweise geschuldet, denn der e-tron mit seinem ungezähmten Elektroschub und einem Drehmoment von mächtigen 664 Nm macht so richtig Spaß. Da gibt man gerne Vollgas, in diesem Fall natürlich Vollstrom, vor allem wenn man außer Wind- und Reifengeräuschen nichts hört. Zum anderen hat auch die Klimaanlage satt Leistung gekostet, kein Wunder bei 30 Grad auf den Wüstenstraßen von Abu Dhabi.

Bei dynamischer Fahrweise ist die angegebene Reichweite des Audi e-tron von 400 Kilometern nur schwer erreichbar.

Aufgeladen wird die Batterie entweder äußerst langwierig an einem konventionellen 230-Volt-Hausanschluss (maximal 3,7 kWh) oder wahlweise mit einem 11-Kilowatt respektive 22-Kilowattlader entsprechend schneller (zwischen 8,5 und 4,5 Stunden). Außerdem kann dieser Audi als erstes Serienauto auch an einen der noch seltenen 150 kWh-Gleichstromlader angeschlossen werden: Macht 80 Prozent Batteriekapazität nach einer halben Stunde. Ideal für eine Rast an der Autobahn verbunden mit einem kleinen Imbiss. Was im Übrigen für die Leistungsfähigkeit der Batterie gut ist. Nur selten Vollgas und bis zu 80 Prozent Ladung gilt als optimal.

Weltmeisterlich ist der e-tron bei der Energie-Rückgewinnung: Bis zu 30 Prozent der Reichweite schöpft das Auto aus der Rekuperation der Bremsenergie. Das System entscheidet je nach Fahrsituation, ob der SUV mit E-Maschine, Radbremse oder einer Kombination aus beidem rekuperiert – und das individuell an jeder Achse. Der Übergang zwischen elektrischem und hydraulischem Bremsen – wir haben ihn bei der Testfahrt nicht bemerkt. Außerdem rekuperiert der Audi auch vorausschauend und automatisch, in dem er Navigationsdaten und Bordkameras benützt. So bremst er zum Beispiel schon weit vor dem einem Kreisverkehr ab, um Energie zu gewinnen. Wenn man es nicht besonders eilig hat, dann genießt man sogar diese Form der Entschleunigung, die noch dazu umweltfreundlich ist.

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Virtuelle Seitenspiegel und Alexa an Bord

Ebenfalls modern und ihrer Zeit voraus sind die virtuellen Seitenspiegel, die ihr Bild auf OLED-Monitore in der Tür-Innenverkleidung übertragen. Ehrlich gesagt, damit haben wir gekämpft. Einmal wegen der Umgewöhnung und zum anderen wegen derschlechten Erkennbarkeit bei grellem Sonnenlicht. Stellt sich die Frage, warum die Entwickler nicht gleich einen großen Schritt weitergegangen sind und die Seitenspiegel-Ansicht nicht gleich auf die zentralen Monitore oder gar auf das HUD (Head-Up-Disply) übertragen? Aber vielleicht ist das jetzt zu viel Zukunftsmusik. Wer die 1.500 Euro für das virtuelle Gimmick ausgeben will, sollte es vorher unbedingt ausgiebig testen. Denn die Reichweitenerhöhung von 35 Kilometern dank der besseren Aerodynamik sollte nicht das entscheidende Argument sein, wenn man sich mit diesen Spiegeln dafür unsicher im Verkehr fühlt.

Audi setzt beim e-tron auf virtuelle Seitenspiegel. Die neue Technik ist aber noch gewöhnungsbedürftig.

Was die Vernetzung des e-tron angeht, so ist jetzt auch Alexa mit an Bord. Die junge Dame versteht auch frei formulierte Kommandos und Suchanfragen und gibt alle Infos über die neuesten Sportergebnisse bis hin zum Wetter und nimmt natürlich gerne auch Bestellungen entgegen. Ganz neu wird es beim e-tron ab Mitte nächsten Jahres auch "Over-the-Air"-Services geben. Das heißt nichts anderes, als dass man bestimmte elektronische Funktionen aus den Bereichen Infotainment oder Assistenzsysteme für einen bestimmten Zeitraum und natürlich kostenpflichtig buchen kann. Wie wäre es zum Beispiel mit einem Nachtsichtassistenten für die dunkle Jahreszeit?

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Audi e-tron: Ist der Elektro-SUV auch geländetauglich?

Von der virtuellen Welt ins reelle Leben: Fast hätten wir vergessen, dass der Audi ein SUV ist und von daher auch geländetauglich sein sollte. Auch das haben wir bei der Testfahrt ausprobiert. Dank der um bis zu 75 Millimeter höhenverstellbaren Luftfederung, des Quattro-Antriebs und eines elektronischen Off-Road-Programms sind auch die ansonsten nur von Ziegen benutzten Sand- und Geröllstraßen in den Emiraten kein Problem. Dass das Geländefahren auch noch nahezu lautlos stattfindet – das ist eine ganz neue und irgendwie auch seltsame Erfahrung.

Mit an Bord des Audi e-tron: Alexa. Sie informiert u. a. über das Wetter und aktuelle Sportergebnisse.

Fazit zum Audi e-tron

Der e-tron ist ein Luxus-SUV mit grünem Gewissen. Ein standesgemäßes Geschäftsführerauto, mit dem man auch bei der Belegschaft vorfahren kann. Dabei ist der e-tron nicht nur umweltfreundlich, sondern auch praktisch. Die 600 Liter Gepäckraumvolumen können auf bis zu 1.725 Liter erweitert werden. Wer diese Ehe eingehen will (Auslieferung ab Anfang 2019), der braucht schon ordentlich Mitgift. Ab rund 80.000 Euro geht es beim e-tron los, da ist dann zwar schon ziemlich viel Ausstattung (wie etwa die Luftfederung und das elektronische Fahrdynamik-System) dabei.

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Rudolf Bögel

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