„Man hat uns betrogen“

Aus Furcht vor Reisewarnung: Türkei enthüllt viel zu spät die dramatischen Corona-Fallzahlen

Monatelang veröffentlichte die Türkei geschönte Corona-Neuinfektionszahlen – wohl um internationalen Reisewarnungen zu entgehen. Tatsächlich ist die Lage erschreckend.

Schon lange stand die Befürchtung im Raum, dass die Zahlen zu den Corona-Neuinfektionen in der Türkei nicht stimmen könnten. Jetzt ist das wahre Ausmaß bekannt: Gesundheitsminister Fahrettin Koca erklärte laut Medienberichten bei einer Pressekonferenz am Mittwochabend und tags darauf, dass allein am Donnerstag (26. November) mehr als 29.000 Neuinfektionen gemeldet wurden. Am Vortag waren es 28.351. Die Betten in einigen Krankenhäusern würden langsam rar werden, so das erschreckende Geständnis. Damit täuschte die Regierung nicht nur internationale Touristen*, sondern auch Einheimische.

Urlaubsregionen in der Türkei entgingen lange Zeit einer Reisewarnung.

Riesige Differenz: Corona-Zahlen in der Türkei weit höher als gedacht

Wie groß die Differenz ist, zeigt sich an den zuletzt an das European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) gemeldeten Neuinfektionszahlen: Hier ist nur von knapp 7.000 Fällen pro Tag die Rede. In Wahrheit sind sie aber viermal so hoch. In Deutschland sind es aktuell um die 22.000.

Am 29. Juli habe Koca nach eigenen Aussagen damit begonnen, die Corona-Infektionszahlen anzupassen. Fortan meldete er nicht mehr die Gesamtheit der positiv getesteten, sondern nur noch diejenigen, die tatsächlich Symptome entwickelten und einer Behandlung bedurften. Auf diese Weise wurden allein bis Ende Oktober etwa 350.000 Corona-Infektionen verschwiegen, wie der Spiegel unter Berufung auf Schätzungen der türkischen Ärztekammer schrieb. Als Grund für sein Vorgehen nannte der Gesundheitsminister demnach „nationale Interessen“.

Spätestens als Koca vor einigen Wochen in einem Interview mit der Zeitung Habertürk von circa 100.000 PCR-Tests am Tag erzählte, von denen 10 Prozent positiv ausfallen würden, war klar, dass mit den Zahlen etwas nicht stimmen konnte. Schließlich hätten dann mindestens 10.000 Neuinfektionen gemeldet werden müssen – offiziell waren es aber damals nur um die 1.400. Kurz darauf forderte auch die Weltgesundheitsorganisation WHO die Regierung dazu auf, die korrekten Infektionszahlen bereitzustellen. Trotzdem dauerte es noch immerhin vier Wochen, bis man dieser Bitte nachkam.

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Türkei entgeht mit geschönten Corona-Zahlen internationalen Reisewarnungen

Schon am vergangenen Freitag (20. November) sprach die türkische Regierung einen Teil-Lockdown aus und verriet somit indirekt die prekäre Lage. Seither sind Restaurants und Cafés geschlossen. An den Wochenenden gilt von Freitag um 20 Uhr bis Sonntag um 10 Uhr vormittags eine generelle Ausgangssperre.

Der prominente Journalist Ismail Yilmaz klagte laut Tagesspiegel beim Fernsehsender Habertürk an: „Man hat uns betrogen.“ Seiner Meinung nach habe die Regierung die Bürger angelogen, um die Urlaubssaison zu retten und die Wirtschaft vor den Folgen von Ausgangssperren zu verschonen. Mittlerweile wurden jedoch zahlreiche Reisewarnungen auf die Urlaubsregionen der Türkei ausgeweitet. Vonseiten des Auswärtigen Amts zählen sie seit Ende Oktober zu den Risikogebieten. *Merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerkes.

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Rubriklistenbild: © dpa/Can Merey

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