Abgang in Nebenrolle

+
Alter Theater-Hut: Die Schauspielerinnen Valery Tscheplanowa und Traute Hoess agieren mitten im Publikum.

Frankfurt - Eine alte Geschichte – und ein alter Theatertrick. Der Dramatiker Lothar Kittstein und der schon durch mehrere gemeinsame Arbeiten mit ihm verbundene Regisseur Bernhard Mikeska ziehen ihre Zuschauer gern ins Bühnengeschehen hinein – ein kleines bisschen jedenfalls. Von Stefan Michalzik

Man sieht sich in ihrem Stück „Je t’aime :: Je t’aime“, mit dem sie im Bockenheimer Depot die Spielzeit des Frankfurter Schauspiels eröffneten, als vermeintlicher Partygast, ohne Bewirtung, begrüßt, kann sich frei in den drei Räume umfassenden Kulissen einer Prachtvilla mit Pool und Blick über das Lichtermeer von Los Angeles bewegen und ist doch nicht mehr als die Staffage, die den Schauspielern immer im rechten Moment aus dem Weg zu gehen hat.

Das Spiel mit dem Betrachter, der erst einmal neugierig umherwandelt und der Dinge harrt, die da geschehen mögen, entpuppt sich als melodramatisches Rührstück mit mehreren vexierspielhaft gebrochenen Fiktionalebenen.

Zusatzvorstellungen am 10., 17. und 24. September.

Es wird der fünfzigste Geburtstag der in der Villa ansässigen Diva, Traute Hoess als Blondmatrone mit langen Wimpern, gefeiert. Ihren beste Rolle hat die noch immer Erwartungsvolle schon hinter sich. Eine junge Wiedergängerin (Valery Tscheplanowa ) hat ihren einstigen Platz in der Regisseurs- und Produzentengunst und wohl auch in der des Publikums eingenommen. Später stellt sich heraus, dass ein Remake gedreht werden soll. Der alten Garde bleibt nicht mehr als der Kampf um eine winzige Nebenrolle, im Film wie im Leben. Nach zehn Jahren taucht in der dritten Generation wiederum eine junge Frau auf. Dass sich die Diva am Ende selbst erschießt – tatsächlich oder laut Drehbuch – ist schon bald klar. Die Autoren geben als Inspirationsquell den lange verschütteten, auf das Mythenjahr 1968 zurückgehenden Film „Je t’aime“ des französischen Regisseurs Alain Resnais sowie das Leben der Schauspielerin Olga Georges-Picot an, die mit 53 Jahren Selbstmord begangen hat.

Nach nicht ganz eineinhalb Stunden wird man darüber ins Bild gesetzt, in welcher Richtung sich der Ausgang befindet. Tatsächlich mochte einem unter dem Einsatz der Drehbühne zeitweilig ein wenig vom Raumgefühl verloren gegangen sein. Auch das Zeitkontinuum heben Kittstein und Mikeska mit ihren neckischen Sprüngen und Überlagerungen von primärer Fiktion und Filmskript auf. Die Zuspielung einer von drei verschiedenen Tonspuren – man bekommt mithin nur einen Teil der teilweise parallel geführten Dialoge mit – tut ein Übriges für die Vergegenwärtigung der Manipulierbarkeit unserer Wahrnehmung.

Dieser Abend gebärdet sich mirakulös, wo nicht die Spur eines Geheimnisses ist, sondern bloß schnöde postdramatische Routine: Viel Konstruktion und ein engagiert ins Leere laufendes Ensemble in einer perfekt schnurrenden Theatermaschinerie bei kümmerlicher Substanz. Die selbstbespiegelnde Dekonstruktion der Illusionsfabrik hat eine Avantgarde abseits der städtischen und staatlichen Häuser schon schlagender durchexerziert – und das so erbarmungslos ausdauernd, dass man am Schluss auch dort nur noch abwinken mochte. Selbst ein mit den Avantgarden minder vertrautes Stadttheaterpublikum dürfte mit derlei selbstverliebten Spielchen allenfalls noch milde zu irritieren sein.

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare