„About blank“ in Kunsthalle Darmstadt

Ästhetik der Leerstellen

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Der polnische Künstler Gregor Gaida schneidet seinen Objekten mitunter Gliedmaßen ab, wie in „Teilen und Herrschen“.

Darmstadt - „About blank“ nennt Kunsthallen-Leiter Peter Joch seine neue Präsentation in Darmstadt und spielt dabei auf die leere Startseite an, die der Internetbrowser anzeigt. Von Reinhold Gries

An Positionen von vier bemerkenswerten Bildhauern deutet er „das Verschwinden der Dinge“ in der heutigen Kunst aus, das auch gesellschaftlich gemeint ist.

Magdalena Abakanowicz aus Warschau verkehrt in ihrer „Anatomy“-Installation Schaustücke der Antike ins Gegenteil: Aus Sackleinen und Kunstharz formt sie abgerissene Gliedmaßen des Menschen und reiht sie wie in Museumsvitrinen auf Regale und Gestelle aus Holz und Metall. Ihr stilles Horrorkabinett erinnert an Katastrophen der Geschichte, die bis heute andauern, Menschen zu Material degradieren – und zerstückeln. Ihr Landsmann, der 37-jährige Gregor Gaida, schon längere Zeit in Bremen lebend, wählt größere Formate. Sein wuchtiger Holz-Bilderrahmen von fünf auf vier Metern zu „King A King B“ enthält keine Königsporträts, er rahmt Leere. Stattdessen turnen links oben und rechts unten zwei Gekrönte als Randerscheinungen der Geschichte auf dem Holz herum.

Keinen klassischen Mythos erzählt auch Gaidas in eine Decke gehülltes hölzernes „Polygonales Pferd“ mit sieben Beinen und offenem Bauch. Das stolze Kampfross, das man von Denkmälern kennt, ist zu Boden gestürzt und hilflos. Wie Gaida Sehgewohnheiten torpediert, sieht man auch an der Plastik „Rest von Schwarz“, in dem ein ausgefranster Torso mit zwei schwarzen Fahnen ein staatenloses Nichts proklamiert. Bei der Plastik „Drummer“ schneidet er die behelmte menschliche Figur in hartem Cut unten und oben ab. Auch schrundigen Oberflächen wie im Sumpf versunkener Kämpfer bei „Teilen und Herrschen“ fehlt das Heroische. Dazu entmythologisiert Gaida die Berliner Reichstagsfiale in Holz im Stil großer Bildhauer.

Die an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung ausgebildete 41-jährige Sandra Kranich lässt ihre Kunst verpuffen. Feuerwerke montiert sie so geschickt auf geometrische Aluminiumplatten, dass diese nach dem Aufblühen und Zerplatzen vielfältige Schmauch- und Brandspuren hinterlassen. Da geht es von „Explosion zu Reflexion“, deutet Peter Joch die eingebrannten Gemälde. Sie erinnern an Brandarbeiten der Gruppe „Zero“ in den 1960er-Jahren. Wie viel Sprengkraft und Energie bei derlei Komponieren frei wird, konterkariert die Installation „Compact Time“ an zusammengepressten Blöcken verschossener Feuerwerksutensilien.

Die 40-jährige Kölner Künstlerin Heike Weber entfremdet in ihrer „kilim“-Serie auf bis zu 7 mal 5 Metern Untergrund dicht gewebte „Teppiche“ von ursprünglicher Funktion des Schmückens und Wärmens. Mit Dichtungsstoff aus dem Baumarkt zeichnet sie Muster eines klassischen Orientteppichs auf ein blaues Podest, das nur noch wie eine Kilim-Vision wirkt. Andere Teppichdekors sind mit weißer Acrylfarbe in freier Art auf schwarze Bahnen gezeichnet, die wie Wandteppiche zur Glasfront der Kunsthalle schauen. Auch diese räumlichen Zeichnungen spielen mit der Leere dazwischen und stehen für eine Künstlergeneration, für welche die fetten Jahre offensichtlich vorbei sind.

  • „About blank“ bis 3. März in der Kunsthalle Darmstadt. Geöffnet: Dienstag bis Freitag 11-18 Uhr, Samstag und Sonntag 11-17 Uhr

Quelle: op-online.de

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