Alles gewollt und recht viel erreicht

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Menschliche Wesen und tierische Pappkameraden in Frankfurter Kammerspielen

Frankfurt - Die Romane von Dietmar Dath, einem der meistdiskutierten aktuellen Schriftsteller, sind Ungetüme, die dem Leser Langmut abverlangen. Ausschweifung macht das Wesen der Werke des einstigen Chefredakteurs vom Pop-Magazin Spex und späteren FAZ-Feuilletonisten aus. Von Stefan Michalzik

Wer sich durch den wissenschaftlich fundierten Detailreichtum schlägt, sieht sich indes belohnt: Die der Science-Fiction zuzurechnenden Bücher zählen zu den interessantesten der erzählenden Literatur.

Das Stadttheater, das sich seit Jahren als Romanfresser hervortut, hat nach Erscheinen von „Die Abschaffung der Arten“ 2008 nur ein Jahr gebraucht, um sich das Buch einzuverleiben. Oliver Reese, Intendant des Frankfurter Schauspiels, hat die unter seiner Ägide fürs Deutsche Theater in Berlin entstandene Fassung von Kevin Rittberger zu zwei Gastspielen in die Kammer eingeladen. Der Roman spielt 500 Jahre nach der weitgehenden Vernichtung der Menschheit. Gente, sprechende Wesen in Tiergestalt, leben in einem autokratischen, auf drei Megastädte konzentrierten Gemeinwesen. Herrschaft der kollektiven Vernunft samt Auflösung der Grenzen des Individuums ist die Grundlage dieser Zivilisation, die ob der Übermacht der auf der nächsten Evolutionsstufe stehenden Keramikaner dem Untergang geweiht ist.

Der Eingangskniff ist eine abgelutschte Kamelle aus der Gründerzeit des Regietheaters: Schauspieler halten Bände der grünen Taschenausgabe in den Händen. Judith Hofmann liest daraus mit elektronischen Verfremdungseffekten, begleitet vom großartigen Sound der Cellistin Boram Lie; später verschwinden die Bücher. Musik spielt im Roman eine wichtige Rolle – die Teile sind wir Sätze einer Sinfonie benannt, die Weltenformel der Gente beruht auf dem Prinzip des Komponisten Iannis Xenakis. Neutralgrau gekleidete Mimen stecken ihre Gesichter durch Klappöffnungen in den Köpfen der Pappständer mit den Comic-Tierfiguren des Zeichners Dirk Rittberger, der auch naiv-malerische Hintergrundprospekte entworfen hat.

Es ist ein Abend, der widerstandslos durchflutscht. Die Darsteller – neben Hofmann Jörg Pose als Löwe mit gelb getönter Sonnenbrille und aufgebauschter Blondhaarperücke sowie Olivia Gräser und Elias Arens – machen ihre Sache mit wohltemperiertem Humor. Es kann aber keine Rede sein von ernstlicher Durchdringung dieses schwer auf einen Nenner zu bringenden Buchs, das zwischen Biotechnik und Untergangsszenario, Kapitalismuskritik und naturwissenschaftlicher Spekulation alles will und viel erreicht.

Die Handlung bebildert referieren: Damit ist Dietmar Dath so wenig beizukommen wie etwa James Joyce. Für dieses gewaltige Unterfangen bedürfte es eines Theatermanns, der seine Fantasie ähnlich frei spielen lassen kann wie der Autor...

Quelle: op-online.de

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