Letzter Auftritt von Georg Schramm

Magenbitter zum Abschied

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Kabarettist Schramm sagt der Bühne Lebewohl.

Frankfurt - „Bitte keinen Rummel um meine Person!“ Wie inständig mag der Kabarettist Georg Schramm wohl seine Kollegen Urban Priol und Jochen Malmsheimer darum gebeten haben, seine Abschiedsfeier möglichst bescheiden zu gestalten. Von Thomas Ungeheuer 

Doch schon bald fackelt ein Feuerwerk auf der Bühne der ausverkauften Frankfurter Jahrhunderthalle ab. Eine Fehlzündung heißt es entschuldigend. Schramm behält die Nerven, auch wenn er selbst kein Konzept für seine Feier hat. Gut, er will keine Klassiker aus der Fernsehserie „Neues aus der Anstalt“ hervorkramen. Ob es vielleicht passt, wenn das DDR-Fernsehballett den „Einmarsch der Alliierten“ tanzen würde? Lieber nicht. Könnte der Titel „30 Jahre Macht für niemand - eine lederne Hand packt aus“ eine geeignete Maxime abgeben? Schon eher. Denn in der Rolle des einhändigen Kriegsveteranen Dombrowski ist Georg Schramm in seinem Element. Obgleich der 65-Jährige nach fast drei Jahrzehnten auf den von ihm so geliebten Kleinkunstbühnen zugeben muss, dass alles gesagt sei. Und von anderen besser, als er es jemals selbst ersinnen könnte. Was soll da einem Georg Schramm noch einfallen?

Oh, dann doch so einiges! Der studierte Psychologe redet sich heftig in Rage, wenn er seine scharfen Blicke auf das politische Weltgeschehen und Deutschland richtet. Aber wozu eigentlich? Wenn doch Urban Priol später bemerkt, dass nach neuesten Umfragen 70 Prozent der Deutschen glauben, dass ihr Land bei Angela Merkel und Ursula von der Leyen in guten Händen sei. Schramm, so scheint es, glaubt fest daran, dass es in der Jahrhunderthalle nicht Mal ein Prozent dieser Blauäugigen gibt, während Priol ohnehin leichtfüßiger agiert und für das besser verdauliche politische Kabarett zuständig ist. Nicht ganz so reich an Worten und Erkenntnissen zeigt sich Priol, dafür parodistisch auf bestem Niveau, wenn er noch einmal in die Rolle des Helmut Kohl schlüpft, der sich im Rollstuhl von Jochen Malmsheimer, über die Bühne schieben lässt.

Seine Themen aber sind kleiner. Ja, bei „Priol, Schramm, Malmsheimer“ geht es übergreifend um die „Verrohung der Sitten.“ Und so liegt es Jochen Malmsheimer besonders am Herzen, über das Paarungsverhalten von jungen Menschen zu sprechen. Oder besser: in einer Art vorzulesen, deren Wortwahl, Schlagkraft und Pointiertheit Staunen erregt. Ein Meisterstück des literarischen Kabaretts. Auch hier findet man keine billigen Pointen. Schramm gab zum Ausstand keinen Champagner aus, sondern Magenbitter. Es passte besser zu einer Gala, bei der sich das begeisterte Publikum zum tosenden Schlussapplaus von den Sitzen erhob. für zweieinhalb Stunden Kabarett mit höchstem Anspruch.

Quelle: op-online.de

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