Abseits der Gesellschaft

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Hängen ab: Cathy (Annalena Müller), Jan (Florian Mania), Mark (Jonas Schlagowsky), Danny ( Ronja Losert) und Phil (Janina Zschernig).

Frankfurt - Das Motiv ist bekannt: Ein Totschlag muss vertuscht werden. Der Tod einer Jugendlichen entsprang keiner Absicht, war eher ein Unfall im Zuge ritueller Drangsalierung. Von Stefan Michalzik

Dennis Kellys 2007 uraufgeführtes, im deutschen Sprachraum vielgespieltes Stück „DNA“ zeigt Strukturen einer Gruppe mit Leitwölfen, gut positionierten Mitgliedern und Außenseitern, Willfährigkeit und schnell erstickter Auflehnung.

Derlei hat man im Theater oft gesehen. Kelly ist es gelungen, die Geschichte um einen sozialen Mikrokosmos auf eine Weise zu erzählen, die das Hinschauen lohnt. Für Robert Schusters Inszenierung an den Kammerspielen des Schauspiels Frankfurt hat Ausstatter Sascha Gross einen metallisch glänzenden Garagencontainer in den sonst leeren Raum gesetzt. Ob von außen oder aufgeschnitten, wenn er den Blick auf einen provisorischen Opferaltar freigibt: Es sind Unorte im Abseits der Gesellschaft, in die sich die Gruppe gedrängt sieht.

Nicht zum ersten Mal sind es Schauspielstudenten, mit denen inszeniert wird, im Zuge der Hessischen Theaterakademie von der Frankfurter Hochschule gekommen. Sie bringen Nähe zum Alter der Protagonisten mit und jene ideale Distanz, die der Autor in Abgrenzung vom Sozialrealismus britischer Machart anlegt.

„Okay.“ „Nein.“ „Doch.“ „Nein.“ „Doch.“ Die Verknappung des Dialogs ist auf die Spitze getrieben. Man spricht ch wie sch, wie es Jugendliche mit migrantisch geprägter Geschichte tun. In der so sorgfältigen wie flüssigen Übersetzung von John Birke fallen keine pointenträchtigen Wörter der Kanak Sprak. Wo sonst kein Klischee ausbleibt, wird jedes gemieden. Die acht Figuren, in grautönige, sportlich-schlabbrige Kluften gehüllt, tauschen sich in rhythmisierter Sprache aus, die den Hintergrund des Raps nur durchscheinen lässt.

Weitere Vorstellungen: 24. März, 11., 17., 20. April, 6. Mai

Die Vordenkerin treibt die Aktionen mit machiavellistischer Kälte voran. Als es darum geht, den Verdacht abzulenken, wird eine falsche DNA-Fährte ausgelegt. Nachdem aber durch Zufall ein vermeintlicher Täter verhaftet worden ist, regen sich Gewissensbisse. Ein Unschuldiger, der im Gefängnis sitzt, das ist ein bisschen viel. Und als auch noch die nur scheinbar Tote wieder auf der Bildfläche erscheint – Lisa Weidenmüller als kaum menschengleich sich windendes Wesen von der mageren Gestalt –, blitzt ein Moment schwarzer Groteske auf.

Stück wie Inszenierung schauen genau hin. Im Innersten sind das unsichere Menschen auf adoleszenter Suche. Da ist einesteils die Ausgelassenheit, mit der das Ensemble im Takt eines Technobeats (Musik: Jörg Gollasch) hopst. Gleichzeitig lastet ein existenzieller Druck auf den Figuren. Jeder hat seine Träume und das Wissen um die Möglichkeit des Scheiterns. In den Gesprächen des aberwitzigen Paars Ines und Holger (Janina Zschernig und Nils Kreutinger) wird über Bonobos, Schimpansen und Menschen, über Friedfertigkeit und Aggressivität salbadert. Da wird nichts beklagt, Da wird niemand verurteilt. Der Blick ist nüchtern-analytisch – die Regie folgt ihm auf kluge, kongeniale Weise.

Quelle: op-online.de

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