Absichtsvoll inkompetent

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Expressiv: Esther Balfe und Ander Zabala

Frankfurt - Im Bockenheimer Depot, ihrer Frankfurter Heimstatt, zeigte Die Forsythe Company eine Neufassung des Stücks „Yes we can’t“. 2008, als die ursprüngliche Version entstand, war das Motto des heutigen US-Präsidenten Barack Obama in aller Munde. Von Stefan Michalzik

Eindeutige politische Zuschreibungen indes ließ das als „Arbeit von William Forsythe und den Tänzern der Forsythe Company“ ausgewiesene, gemeinschaftlich entwickelte Stück damals so wenig zu wie heute.

Chaos herrscht. Tänzer stürmen herein, in knallbunter Straßenkleidung von Dorothee Merg. Der Chor, den sie bilden, strebt in einem sich stetig erneuernden Strom den an der Rampe postierten Mikrofonen zu und bildet lang gezogene Ah-Laute, unter der stürmisch bewegten Begleitung des Pianisten David Morrow. Die Tänzer versuchen, unmittelbaren Kontakt mit dem Publikum herzustellen. Sie winken und rufen „Hallo!“. Dann wechseln sie in lautpoetische Improvisationen, aus denen sich die Refrainzeile des Popsongs „Those Were The Days“ von Mary Hopkins herausschält.

Das Tohuwabohu nimmt seinen Lauf. Neckische Szenen spielen sich ab, derweil im Grunde nichts ernstlich passiert. Das Publikum hat sich schon darauf eingelassen, dass es mit einer netten Unterhaltungsrevue zu tun hat, einem Genre, das in der Kunst des William Forsythe seit seinem Musical-Klassiker „Isabelles Dance“ von 1986 immer wieder auftaucht.

Da unterbricht ein Tänzer den Ablauf und verkündet in scheinbar ernsthafter Rede, dass bis zu diesem Punkt manche Dinge nicht der Absicht nach gelaufen seien und man von vorn beginnen wolle. Ernsthaft und lustig zugleich zu sein beanspruche der Abend. Enthusiasten seien sie alle und nicht Zyniker, ist dieser Heiterkeit weckenden Ansprache zu entnehmen. „Intentionale Inkompetenz“ sei Ansinnen der Truppe.

„Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern“ – das Beckett-Zitat ist im Programm angeführt. Die clowneske Ereignislosigkeit kommt auf ihre Weise Beckett nahe. Kontrapunktiert wird sie zum Ende immer wieder mit Pas de deux in einem tänzerischen Lyrizismus, einer bekannten Konstante bei Forsythe.

Es ist praktisch ein neues Stück. Wie die Ursprungsversion dauert es etwa eine Stunde. Die Veränderungen sind grundlegend. Von Raum – schwarz und weit, mit drei weißen Stelen im Hintergrund – und Kostümen abgesehen ist nicht viel geblieben. Verschwunden ist der Wettbewerb der Tänzer um die Gunst des Publikums; kein belfernder Befehlshaber führt das Regiment. Nicht zu entscheiden, welche Fassung stärker ist. Darauf kommt es auch nicht an.

Quelle: op-online.de

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