Wie Adolf Hitler böse wurde

+
Hitler (Tom Wild) sucht Halt beim Juden Schlomo Herzl (Harald Schneider) angesichts von Gretchen (Gabriele Drechsel).

„Es gibt Tabus, die zerstört werden müssen, wenn wir nicht ewig daran würgen sollen“, sagte der jüdisch-ungarische Theatermacher George Tabori. So ist seine Farce „Mein Kampf“ von 1987 eine Art Schocktherapie im Theater, die über unfassbares Grauen lachen lässt – bitter zwar, aber auch befreiend. Von Franziska Ehrhardt

Wo für andere Schluss ist mit lustig, läuft Tabori erst zu Hochform auf und macht dabei auch vor Hitler nicht Halt.Von historischer Rekonstruktion ist die Groteske voller perfider Komik weit entfernt, will das auch nicht leisten. Ausgangspunkt ist die Tatsache, dass Hitler in jungen Jahren aus der österreichischen Provinz nach Wien kam, um sich an der Kunstakademie als Maler zu versuchen. Der Rest ist eine kunstvolle Mischung aus Fakten und Fiktion, eine verkehrte Welt, wohin man blickt.

Hitler im Männerwohnheim

Im Männerwohnheim trifft Hitler zwei Juden, von denen sich einer für Gott hält und der andere ein verschrobener Gutmensch ist. Da ist der Trachtenbursche noch kein krankes Monster, Männer wie der fliegende Buchhändler Schlomo Herzl sind noch nicht Opfer des Holocausts.

Weitere Vorstellungen: 2., 18., 28. Oktober, 9. und 22. November.

Das Ensemble des Darmstädter Staatstheaters zelebriert in der Inszenierung von Martin Ratzinger die Verwandlung Hitlers vom unsympathischen Sonderling zum psychopathischen Massenmörder hintergründig und genussvoll. Tom Wild zeigt zunächst Hitlers kalte, auch hilflos-verklemmte Seite, welche die Menschenliebe des Juden Herzl (Harald Schneider) weckt. Der kümmert sich um ihn, bringt ihm Manieren bei, verpasst ihm in einer Ironie des Schicksals Frisur und Bart und rät ihm sogar, in die Politik zu gehen.

Hitler ein hysterischer Psycho

Dargestellt ist Hitler als lächerliche Witzfigur, parodiert mit bösem Slapstick, sowie als hysterischer Psycho. Neben Herzls Freund Lobkowitz (Klaus Ziemann) mischen Herzls junge deutsche Geliebte Gretchen (Gabriele Drechsel), Hitlers Kumpel Himmlischst (Uwe Zerwer) sowie eine geheimnisvolle Dame in Schwarz (Diana Wolf) bei der beeindruckenden Gratwanderung zwischen Tief- und Irrsinn mit, bis Hitler langsam zum Tyrannen wird und sich naturtalentiert als „Täter, als Sensenknabe, als Würgeengel“ erweist. So treiben sie in gut zwei Stunden einfühlsam, klug und mit schwarzem Humor ein schaurig-skurriles Spiel mit Scherz und Schmerz, fern von jeder politischen Korrektheit.

Quelle: op-online.de

Kommentare