Hofpoet der Kritischen Theorie

Frankfurt - Derartiges erlebt man selten an einer Universität. Immer wieder Heiterkeit, Lacher, Szenenapplaus. Eine Woge der Ovationen am Ende. Von Stefan Michalzik

Spürbar beschwingt verlässt das Auditorium den Hörsaal, der mit tausend Studenten – und vielen anderen Interessierten – voll besetzt gewesen ist. Nicht gerechnet die mehreren hundert, die mit der direkten Videoübertragung in der Mensa vorlieb nehmen mussten.

Alexander Kluge ist ein brillanter Entertainer. Es war klar, dass seine „Theorie der Erzählung“, so das Signum seiner Frankfurter Poetikvorlesungen, nicht grau sein würde. Der Titel geht auf Helmut Heißenbüttel zurück. Theorie, so Kluge, sei für ihn gleichbedeutend mit der Kritischen Theorie um Horkheimer und Adorno, der Frankfurter Schule also. „Ich bin der Hofpoet der Kritischen Theorie.“

Kluge ist ein Meister der kleinen Form. Sein Erzählen ist vielgestaltig und zerklüftet, und so hält er es auch mit seinen Vorlesungen. „Das Rumoren der verschluckten Welt. Die Lebensläufe und das Wirkliche“, lautete das Motto des ersten der vier Abende. Eine Fokussierung auf den jüngst erschienenen Erzählband „Das fünfte Buch“ war annonciert gewesen, doch es ging natürlich um vieles mehr. Keiner versteht es, so produktiv zu schweifen wie der inzwischen Achtzigjährige.

Der „reichhaltige Schatz an widerständlerischer Haltung“, den die kritische Theorie zur Verfügung halte, sei zur Orientierung in wesentlichen Fragen nützlich. „Menschen werden sich nie verbiegen lassen, sondern sich selber emanzipieren“: Das sei die Haltung, um die es gehe.

Mitunterzeichner des Oberhausener Manifests

Der einstige juristische Berater an Adornos Institut für Sozialforschung an seiner Frankfurter Zeit in den sechziger Jahren an, der Dekade des studentischen Protests und der Hausbesetzungen. Der verstorbene Alfred Edel, markantester Kleindarsteller des Jungen deutschen Films, hatte in einer der Filmausschnitte, derer Kluge mehrere in kurzweiliger Manier zuspielen ließ, noch einmal einen Auftritt als grandioser Komiker, in einer Szene aus „Abschied von gestern“ von 1966. Da ging es noch einmal zurück in die Zeit der Ordinarienuniversität alten Typs, mit Doktorhüten und Professoren im Talar. Ein anschaulicher Beleg für den Wandel der Zeiten. Später tauchte Helge Schneider auf, der als satirischer Interviewpartner in den Fernsehsendungen Kluges gleichsam die Rolle des einstigen Dauerpartners Heiner Müller übernommen hat, mit der Kontinuität einer Folie der Geschichte.

Kluge, der 1962 zu den Unterzeichnern des Oberhausener Manifests gehörte, mit dem Regisseure des Jungen Deutschen Films eine neue filmische Ästhetik und eine Zuwendung zu gesellschaftlichen Themen manifestierten, definiert sich – plausiblerweise – als Autor, gleich in welchem Medium, ob als Prosaerzähler, Filmregisseur oder Fernsehmacher.

Weltaneignung durch Erzählen. Eben noch Fukushima und die Krise um Griechenland, dann die Gänsefüßchen in der Doktorarbeit eines Verteidigungsministers, als nächstes ein Bundespräsident und sein Klinkerhäuschen: Wenn man solche Aktualitäten, wie sie in den Fernsehnachrichten in einem kruden Nach- und Nebeneinander umherpurzeln, nicht zu verankern verstehe, „dann spinnen die“. Das Subjektive indes sei „so hart und stark“ wie das Objektive, wie es sich als Anschein in den Nachrichten vermittle: Das will Kluge in seinen Vorlesungen zeigen. Information allein könne keine Erfahrung vermitteln, es mangele ihr am Gefühl. „Wirklichkeit ordnet sich nur unter, wenn man sie sich ausdenkt.“ Das ist einer der herrlich lakonischen Kluge-Sätze. Er hat ihn auf den  Fernbeobachter“ Karl May geprägt. Damit hat er uns auch einen Schlüssel zu seiner eigenen Poetik an die Hand gegeben. -

Quelle: op-online.de

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