Schöne schießt scharf

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Vorsicht, Männer: Hedda (Constanze Becker) pflegt ein entspanntes Verhältnis zu gespannten Faustfeuerwaffen.

Das Unglück von Frauen in der Ehe ist eins der großen Literaturthemen des 19. Jahrhunderts. Während Anna Karenina, Emma Bovary und Effi Briest still aus dem Leben scheiden, denkt Hedda Gabler gar nicht daran, es den Männern so leicht zu machen. Von Markus Terharn

Ihr Problem wird auch zu dem eines anderen – und reißt ihn mit ins Verderben. Am Schauspiel Frankfurt hat Regisseurin Alice Buddeberg Henrik Ibsens Gesellschaftsdrama von 1890 auf seinen zeitlosen psychologischen Gehalt abgeklopft. Und daraus eine knapp anderthalbstündige Schnittfassung gewonnen, die keine Sekunde langweilt.

Dabei ist es die Langeweile, welche die Titelheldin treibt. Das leuchtet dem Publikum unmittelbar ein, als sie, sich lasziv auf dem Sofa räkelnd, kein Interesse an den Annäherungen ihres Angetrauten zeigt. Kein Wunder, hat sich der Kulturwissenschaftler Jörgen Tesman im Verlauf der sechsmonatigen Hochzeitsreise doch in alten Scharteken vergraben, um ein Buch zu schreiben, das ihm eine Professur verschaffen soll.

Nüchterner Gegenpol des eigenbrötlerischen Gelehrten ist Amtsgerichtsrat Brack, der durchaus ein Auge für Heddas beträchtliche Reize hat. Aber sie spielt nur mit ihm – und mit der Pistole, die früh ins Bild und dem Zuschauer fortan nicht mehr aus dem Sinn kommt. Eher elektrisiert sie die Nachricht, dass Eilert Lövborg vor seiner Rückkehr steht. Mit ihm hatte sie ein intensives Verhältnis. Und er hat ein Werk verfasst, das ihn zum Konkurrenten Jörgens qualifiziert. Geholfen hat dem so genialischen wie gefährdeten Autor die unscheinbare Thea Elv sted, die aus ihrer Ehe ausgebrochen ist. Doch diese Schrift, beider „Kind“, geht verloren und gerät in die falschen Hände ...

Für dieses unheilvolle Beziehungsgeflecht hat Buddeberg, assistiert von Elisabeth Caesar und Karoline Behrens, in den Kammerspielen ein so eisiges wie glattes Bild gefunden. Cora Sallers karg möblierte Einheitsbühne ist mit Schneematsch bedeckt, der die Figuren zu Rutschpartien und gegenseitigen Abreibungen verleitet. Darüber baumeln Leuchtröhren, die sich auch als Turngeräte eignen. Alle fünf, von Martina Küster in Kleidung gesteckt, die sie eher entblößt als bedeckt, sind fast permanent präsent. Das erfordert eine gewaltige Konzentrationsanstrengung.

Noch stärker ist, was die Schauspieler in Sachen Charakterstudie leisten. Constanze Becker ist eine Hedda von überbordender Sinnlichkeit, zugleich abgründig und unberechenbar, geladen wie die Waffe, mit der sie gern in die Gegend zielt. Kein Wunder, dass die Kerle scharf auf sie sind; nicht erstaunlich, dass Thea Angst vor ihr hat. In der Rolle der ernsthaften, scheu verhuschten Frau liefert Bettina Hoppe eine überzeugend nach innen gekehrte, zurückgenommene Darstellung mit unverhofften Ausbrüchen von Bestimmtheit.

Weitere Vorstellungen heute, 14. und 31. Oktober

Heddas vergeistigten Gatten gibt Isaak Dentler als fettlockigen Jammerlappen bar jeder virilen Ausstrahlung. Als glühender intellektueller Widerpart glänzt Sébastien Jacobi mit körperbetontem Spiel. Thomas Huber spricht als Jurist scheinbar die Sprache der Vernunft, erweist sich aber als anfällig für Versuchungen.

Mit lebhafter Anteilnahme und sichtlichem Wohlgefallen verfolgte Oliver Reese die Premiere aus der zweiten Reihe. Anhaltender Beifall bestätigte dem neuen Intendanten, dass er ein tolles Ensemble an den Main geholt hat!

Quelle: op-online.de

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