Alle waren Revoluzzer

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Zum „Alabama-Song“ räkeln sich Damen auf der Frankfurter Bühne.

Frankfurt - Ob Heinrich Heine oder Kurt Weill, ob Bertolt Brecht oder Rio Reiser: Sie alle kommen vor im neuesten szenischen Projekt des Ensemble Modern. „Offene Wunden“ heißt der Abend, der im Bockenheimer Depot zugleich als letzte Saisonproduktion der Oper Frankfurt gezeigt wird. Von Axel Zibulski

Zum halbstündigen „Mahagonny-Songspiel“ von Brecht und Weill hat der 1961 geborene Komponist Helmut Oehring eine knapp einstündige „Antwortmusik“ geschrieben, wie er sein eigenes „kleines episches Songspiel“ namens „Die WUNDE Heine“ bezeichnet. Gemeinsam mit Stefanie Wördemann ist der Komponist auch für die Regie des Abends verantwortlich.

Zuerst Brecht und Weill, vier Herren auf Wartesesseln, zwei Damen, die sich zum „Alabama-Song“ auf dem Boden räkeln, dahinter, stets präsent, ein Film des Grafikers Hagen Klennert, auch für das eher sparsame Bühnenbild verantwortlich. Zeichnungen, Symbolisches: Pokerkarten, die zu einem Kreuz gelegt werden, sind da zum Beispiel zu sehen, die Religion des Geldes andeutend in Brechts und Weills 1927 uraufgeführter Vorarbeit zur abendfüllenden Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“.

Heute wäre Heine ein Revoluzzer

Doch ganz und gar nicht opernhaft mag sich die Produktion von „Offene Wunden“ geben; das hier sechsköpfige Vokalenensemble singt mit Mikrofonen, heraus ragt die Jessie der Schauspielerin und Sängerin Salome Kammer: „Vergiftet sind meine Lieder, wie könnt’ es anders sein“ – das Heine-Zitat bedeutet als vorweg auf die Bühne projiziertes Motto für Brecht und Weill eine eher lose Assoziation.

Nach einer knappen halben Stunde dann ein Schnitt, harte Klänge der E-Gitarre, nochmals Heine: „Andre Zeiten, andre Vögel! Andre Vögel, andre Lieder!“ Helmut Oehrings „Die WUNDE Heine“ entstand als Auftragskomposition des Ensemble Modern, der Oper Frankfurt, des Dessauer Kurt-Weill-Fests und der Kölner Musiktriennale. Im Zentrum agiert Gitarrist und Sänger Jörg Wilkendorf, hier mit Heines jüdischem Geburtsnamen „Harry“ genannt.

Nur eine Vermutung: Heute wäre Heine ein Revoluzzer, der, wie Rio Reiser, „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ schreit. Diese Montage ist freilich so unerträglich plump und billig wie Oehrings ganzer Versuch einer Heine-Annäherung. Im Gitarren-Gewummer werden Reiser und Heine und Wilkendorf beliebig zusammenverwurstet, es ist äußerlich laut und intellektuell erschreckend leise im Bockenheimer Depot.

Weitere Vorstellungen am 1., 2 und 4. Juli im Bockenheimer Depot.

Irgendwie waren sie wohl alle Revoluzzer, der Heine und der Brecht, der Weill und der Reiser. Wilkendorf hämmert’s mit herben Gitarren-Dissonanzen ein. Da hat man allerdings schon lange keine Lust mehr, sich mit textlichen Feinheiten, mit Heines Geist und Witz auseinander zu setzen. Das Ensemble Modern wird unter der Leitung von Hartmut Keil nach dem vorzüglich ausmusizierten „Mahagonny-Songspiel“ ganz und gar zum Nebendarsteller und dürfte sich mit einer Auftragskomposition selten so sehr ins Abseits gespielt haben.

Quelle: op-online.de

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