Das Städel

Alles andere als gemalte Volkslieder

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„Die Öd“. Blick auf den Holzhausenpark, 1883

Frankfurt - Im 19. Jahrhundert strebten Künstlerkolonien „zurück zur Natur“ und erklärten einfaches Landleben und natürlich wirkende Kunst zum Ideal - in Opposition zum trockenen Akademismus der Gründerzeit. Von Reinhold Gries

Hans Thoma (1839-1924), in einfachen Verhältnissen auf einem Bernauer Bauernhof im Schwarzwald aufgewachsen, musste derlei Umgebung nicht künstlich herstellen. Das sieht man an über 100 Exponaten im Städel aus dem mit Karlsruhe weltweit größtem Thoma-Fundus, wie der einstige Lieblingsmaler der Deutschen aus direkter Anschauung schöpfte. Auch als er von 1877 bis 1899 in Frankfurt lebte und dann in Karlsruhe als Kunstprofessor lehrte, nachdem seine Werke in München den Durchbruch geschafft hatten.

Aber Thoma hatte auch eine rege Phantasie, die sich nach realistischem Frühwerk immer mehr in pathetischen und versponnenen Sujets bemerkbar machte. Das rief Kritiker auf den Plan, denen Thomas Symbolismus nicht französisch genug war. Andere kritisierten seine Charakterporträts und Genrebilder kleiner Leute als „Sozialdemokratisierung der Kunst“. Spätere NS-Ideologen wiederum missbrauchten Thomas Kunst als „Volksmalerei“ für Propagandazwecke. Das wirkte nach 1945 weiter, als Thomas Werk abgewertet wurde.

Da lohnt es sich, neu hinzuschauen auf Thomas kunstvolle Schwarzwalduhr aus seiner Lehrzeit als Uhrschildermaler, auf herbe Porträts und idyllische Szenen vom Land sowie Schwarzwald- und Taunuslandschaften, deren Ferne zu industrialisierten Städten und neuer Architektur offensichtlich ist. Von den industriellen Umwälzungen verunsicherte Bürger und Arbeiter mochten es, wie Thoma heile Landschaften vor dem Betrachter aufsteigen ließ, deren mild umrissene grüne Höhenzüge sich in der Ferne verloren. Oder einsame Wanderer und Reiter in einladender Zuschauerperspektive in lieblichen Tälern zu betrachten. Das „Volk“ mochte, wie Thoma Kinder beim Reigentanz darstellte oder den Himmel für eine Engelswolke mit drolligen Kinderleibern öffnete. Solch märchenhafte Gegenwelt wirkte oft wie gemalte Volkslieder.

Aber hinsichtlich Maltechnik, Perspektive und Komposition sind Ölgemälde wie „Mutter im Schwarzwaldstübchen“, „Hühnerfütterung“ oder „Knabe mit dem toten Reh“ aus den 1860er Jahren mehr als „Heimatkunst“. Bilder wie „Sommerlandschaft mit Hochzeitszug“, „Nach der Schule“ und „Unter dem Flieder“ aus den 1870er Jahren bereiten trotz heimeliger Untertöne „Neuen Realismus“ der 1920er Jahre vor. Und Thomas „Ritt auf dem Vogel“ wirkt gar surreal.

Derlei Motive, auch religiöse, hing man sich um 1900 als Reproduktionen, Grafik und Kalender an die Wand, betrachtete sie in Bilder- und Kinderbüchern sowie auf Postkarten. Thoma blieb auch kein „Landei“ und öffnete seinen Horizont durch Künstlerfreundschaften und Aufenthalte in Paris, England und Italien. Courbet, Leibl, Scholderer und Böcklin wurden zu Vorbildern. Zwischen Barbizon und Kronberg entwickelte der Bernauer aber einen eigenen Stil beim „Stilleben mit Gemüse“, „Strand bei Liverpool“ und Selbstporträt vor Birken. Beim Großformat „Flucht nach Ägypten“ besetzte er die Rolle von Maria und Josef mit seiner Frau und sich.

Bei seinen Blumenwiesen und Waldstücken, seinem weitem Blick aus dem Fenster auf Frankfurts Holzhausenpark oder Panorama zu den Carrara-Bergen in Italien paarte er altmeisterliches Können mit frischem bis zartem Kolorit und spröder Poesie. Dazu kommt Impressionistisches in Flusslandschaften wie „Rhein bei Laufenburg“ und Spätromantisches beim Nachtstück „Kahnfahrt im Mondschein“.

Nach der Begegnung mit Cosima Wagner wurde Thoma Wagnerianer, zu sehen an dem Jugendstil nahekommenden Bildern beim dramatischen „Walkürenritt“, aufgewühltem Symbolismus in „Wotan und Brünhilde“ oder düsteren „Siegfried und Mime“. Für Wagner-Inszenierungen entwarf er Kostüme und Wandbilder, inszenierte wie Böcklin auch dralle bis mystische Allegorien wie „Drei Meerweiber“ oder „Meerwunder“. Wie „typisch deutsch“ er Nymphen, Zentauren, Dryaden und Meeresgötter herbeizauberte und mit Falterflügen-Engelsbuben und Elfen zu ganz eigenem Hofstaat vereinte, kann man Thoma im Land der Brüder Grimm kaum vorwerfen.

Quelle: op-online.de

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