Alles auf einen Blick

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Ganz schön freche Vierbeiner: Burgi Kühnemanns „Hundemalerei“ veredelt einen Aktfoto-Band aus den 1950er Jahren.

Frankfurt - Das Frankfurter Museum für Angewandte Kunst wird mit edlen Gläsern, Keramiken, Schmiedearbeiten, Schmuckstücken, Teppichen oder Möbeln in Verbindung gebracht. Darin hat es hierzulande keine Konkurrenz. Von Reinhold Gries

Im Bereich Buchkunst und Graphik sieht das anders aus: rund 3 000 Exponaten stehen gut 75 000 Exponate des Offenbacher Klingspor-Museums gegenüber.

Lithographie-Gebinde von Kveta Pacovska

Was das Offenbacher Museum nie kann, ist dem Frankfurter möglich: Es zeigt seinen gesamten Buchbestand auf einmal, um bibliophile Entwicklung vom Spätmittelalter bis ins Heute zu demonstrieren. Das Panorama beginnt mit kostbarer Buchmalerei und früher Buchdruckkunst: Mit Kunstfertigkeit und Geduld geschrieben sind „Stundenbücher“ wie das aus Tours von Jean Bourdichon (um 1480) oder die prachtvoll illuminierte italienische Handschrift des 16. Jahrhunderts mit bezaubernden Miniaturen, Perlen, Pflanzen- und Tiermotiven.

Mit Liebe gefertigt sind auch Poesie- oder Freundschaftsalben, in der Vorform als „Stammbücher“ seit dem 16. Jahrhundert mit auf Reisen gehend, um Einträge von Freunden und bekannten Persönlichkeiten aufzunehmen. Das diente zur Erhöhung des eigenen Ranges wie zur Persönlichkeitsbildung. Mit Stammbüchern wie dem der Linel-Sammlung, dem venezianisch-nürnbergischen von Georgius Chamler (1559) oder dem goldgeprägten Lederexemplar des Johann Melchior von Birkenstock (1761) schufen sich Eigentümer eine „Quasi-Familie“ Gleichgesinnter. Das gilt auch für das paillettenbestickte Seidenalbum von Johann Friedrich Spitta oder das Stammbuch des Jacques Rudolph Merian. Ab der Biedermeierzeit wurden solche Alben zur Domäne der Frauen, zu sehen an Frankfurter Stammbüchern einer „Agnes“ oder eines „Fräulein Pfeiffer“, das hinter seiner Buchhülle ein Schatzkästlein lose gesammelter Freundschaftsbeweise verbirgt.

Persönliche wie literarische Selbstzeugnisse sind auch Künstlerbücher des 20. Jahrhunderts

 Ein halbes Lebenswerk ist die von HfG-Absolventin Ines von Ketelhodt und Peter Malutzki geschaffene, fünfzigbändige „Zweite Enzyklopädie von Tlön“. Für persönliche gefärbte Einheit von Literatur und Kunst steht auch Else Lasker-Schülers Künstlerbuch „Theben“ mit handkolorierten Lithographien. Quergedacht dann originelle Stücke wie Burgi Kühnemanns freche Übermalung eines Aktfotobandes der 50er mit „Hundemalerei“ oder Kai Pfannkuchs Ikarus-Presse-Exemplar zu Paul Valery. Carola Willbrands gedruckte, vernähte, glitzernd beschriebene und gescannte „Bewegung um den Lebensfaden“ zeigt den Wandel von Buch- zu Objektkunst.

„Buchkunst total“ vom 8. März bis 27. Mai im Museum für angewandte Kunst, Frankfurt, Schaumainkai 17. Geöffnet: Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr, Mittwoch bis 21 Uhr

Skulptur geworden sind Kveta Pacovskas an Kordeln hängende Lithographie-Schnittstücke oder Max Mareks geschichtete Papierschnitte. Spielarten von Typographie und Umschlagdesign lernt man an Marguerite Duras‘ „Der Mann im Flur“, Per Kirkebys „Bravura“, John Heartfields „Freedom Calling“ oder Tobias Rehbergers „flach“-Konzept kennen, inhaltlich wie formal alles andere als flach.

Quelle: op-online.de

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