Alles im Fluss

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Von der Ruhr an den Main: Marc Oliver Schulze ist neu im Ensemble des Schauspiel Frankfurt. Der Theatersessel, auf dem er sitzt und Schiffe beobachtet, wartet übrigens noch auf einem Paten.

Am Main wollte sich der Schauspieler Marc Oliver Schulze treffen und fotografieren lassen. Denn er mag den Fluss und seine vorbei schippernden Frachtkähne. Er findet es spannend, sich zu fragen, wo die Schiffe herkommen und wo sie hinfahren. Von Astrid Biesemeier

Schiffe sind für ihn ein Zeichen, dass „das Leben durch Frankfurt zieht“. Er sieht darin eine gewisse Weltoffenheit der Stadt. Darum interessieren ihn auch die Touristenschiffe und Ausflugsboote weniger. Aber die Kähne, die Kohle, Stahl, Container oder ähnliches geladen haben, die findet er toll. Und als abermals ein Frachter über den Main fährt, schaut er wieder, was er geladen hat: Schrott. „Nur Schrott hat der geladen.“ Und dann sieht er: „Aber da hinten stehen noch drei Autos. Der Schrott ist wahrscheinlich die Abwrackprämie.“ Er lacht.

Marc Oliver Schulze war zuletzt am Theater Bochum engagiert. Und auf der Ruhr, so erzählt er, habe es solche Schiffe leider nicht gegeben. Aber außer dem Main hat er auch einige andere Koordinaten seiner neuen Frankfurter Heimat schnell erfasst. Die Gegensätze, die der Weg vom Hauptbahnhof durch das Bahnhofsviertel zu den Banken bietet, findet er eindrucksvoll. Und dass die Großmarkthalle der Europäischen Zentralbank Platz macht, zeigt für ihn konkret, dass sich das, womit gehandelt wird, sehr geändert hat. Überhaupt findet er, „dass die Stadt vor dem Hintergrund der Krise mit ihren Bankentürmen die spannendste in Deutschland ist“.

Viel Arbeit mit Antigone

Wenn der Premierenmarathon zu Beginn der neuen Intendanz startet, wird Schulze in „Ödipus/Antigone“ (1. Oktober) und „Hautnah“ (17. Oktober) zu sehen sein. Viel Arbeit. Um sich von den Proben etwas zu entspannen, schaut er gern Fußball. Und über die Parallelen zwischen Theater und Fußball, sagt er, könne man viel philosophieren. „Denn im Fußball gibt es den Helden. Im Theater gibt es den Helden. Im Fußball gibt es den tragischen Helden. Und im Theater gibt es den tragischen Helden. Im Fußball und im Theater gibt es Trainer oder Regisseur und Mannschaft oder Ensemble.“

Und die Situation findet er, erinnere auch an das Theater. Und dann gehe es doch immer um Spieler. Fußballspieler und Schauspieler. Sein Lieblingsverein ist übrigens Werder Bremen, obwohl oder vielmehr weil er in München aufgewachsen ist. In den 80ern gab es eine große Rivalität zwischen beiden Clubs. „Als am vorletzten Spieltag die Bremer in München einen Elfmeter verschossen und dadurch die Meisterschaft verloren, taten sie mir so leid, dass ich seither für die Bremer bin.“ Auch Leichtathletik findet er toll. Diese Sportler sind für ihn Helden, die Achilles der Neuzeit. Wieder so eine Parallele zwischen Theater und Sport.

Große Fragen aus der Vergangenheit

Das Eröffnungs-Doppel „Ödipus/Antigone“ in der Regie von Michael Thalheimer ist mit denselben Schauspielern besetzt. Marc Oliver Schulze spielt Ödipus und Kreon. Die Arbeit begeistert ihn: „Es ist Wahnsinn sich mit einem Text auseinanderzusetzen, der 2.500 Jahre alt ist. 2.500 Jahre! Und die Texte haben immer noch so viel zu sagen, regen noch immer zum Nachdenken an, werfen Fragen auf und bieten Erkenntnis. Das ist einfach groß!“

Selbstverständlich, so erzählt Schulze, hätten sie bei den Proben über die Antike und das Theater damals gesprochen. Außerdem habe es ein paar Spezialisten gegeben, die dem Ensemble etwas über die Zeit und die Mythologie erzählt haben. Er findet das interessant, aber seine Aufgabe als Schauspieler sieht anders aus:

„Natürlich reichert man diese Informationen in sich an, aber auf der Probe ist das nur Theorie. Bei den Proben muss man das dann sinnlich bekommen, erfahrbar machen.  Keine leichte Aufgabe, denn den alten Texten wohnt so eine Archaik inne, dass die Bilder einfach sehr groß sind und nichts mit kleinen Alltagssituationen zu tun haben. Die Menschen sind Kunstfiguren. Keine, denen man auf der Straße begegnet. Das liegt viel tiefer. Aber es gewährt Freiheit in der Spielweise.“

Quelle: op-online.de

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