Alles ist Narrheit

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Wer ist hier der Gehörnte? Szene aus der Wiesbadener „Falstaff“-Deutung.

Wiesbaden - Ein stummes Standbild, Falstaff thront an einem Tisch in der Mitte der Bühne, um ihn herum hat sich das ganze Personal aus Giuseppe Verdis letzter Oper aufgestellt. Auf einen Fingerzeig des korpulenten Schnorrers beginnt im Staatstheater Wiesbaden die turbulente Musik, alles dreht sich um ihn, mag Falstaff glauben. Von Axel Zibulski

Wenn er seinen Saufkumpanen Bardolph und Pistol den Monolog über die Ehre, die nichts wert sei, hält, staksen die beiden wie Aufziehpuppen über die Bühne des Großen Hauses. Der Regisseur Christian Spuck kommt vom Ballett, und das will der Choreograf in seiner Inszenierung der Shakespeare-Oper „Falstaff“ gar nicht verheimlichen: Die streng nach hinten sich verengende Einheitsbühne ist ein welttheatralischer Guckkasten, zum mitternächtlichen Schluss markiert nur das Bild eines kahlen Baums auf einer Leinwand den Windsor-Park. Spuck und Ausstatterin Emma Ryott konzentrieren sich auf die Personen des heiteren Dramas, eine von zwei Buffo-Opern Verdis. Mit Gesten und Posen leicht überdreht wirken diese kurzweiligen zwei Stunden, die vom Premierenpublikum mit zuletzt selten erlebter Begeisterung aufgenommen wurden.

Biegsame und profunde Stimme

Nächste Vorstellungen am 30. Januar sowie am 5. und 12. Februar; Übertragung der Premierenaufzeichnung in Deutschlandradio Kultur am 6. März (19.05 Uhr)

Auch vokal steht der wüst gescheitelte Sir Falstaff des jungen, aus Bulgarien stammenden Bass-Baritons Kiril Manolov im Zentrum. Mit seiner zugleich biegsamen und profunden Stimme durchlebt er die theatralischen Anfechtungen der Windsor-Damen, ohne die drei Akte zur bloßen Klamotte werden zu lassen – auch wenn der Wäschekorb, aus dem er am Ende des zweiten Akts in den Wassergraben plumpst, nicht fehlen darf.

Spuck verstellt nie den Blick auf die dichte Komödie: „Alles in der Welt ist Narrheit“, zur fugenartigen finalen Botschaft des späten Verdi und seines Librettisten Arrigo Boito gehen die Lichter im Zuschauerraum an; kein neuer, aber ein immer wieder aparter Einfall. Den nötigen szenischen Ruhepunkten trägt die Regie gleichwohl Rechnung, etwa dem ariosen Liebeswerben des jungen Fenton (Felipe Rojas Velozo) im finalen Windsor-Bild.

Geschlossenheit des Ensembles überzeugt

In musikalischer Hinsicht beeindruckt dieser „Falstaff“ nicht zuletzt durch die Geschlossenheit des Ensembles. Diane Pilcher fügt sich als ältere Strippenzieherin Mrs. Quickly ebenso nahtlos ein wie die gar nicht mehr so jugendlich-unschuldig ausgestaltete Nannetta von Emma Pearson. Sharon Kempton und Ute Döring agieren als Alice Ford und Meg Page ebenso zuverlässig wie der vokal mehr geschmeidige als brüske Ford von Thomas de Vries. Unter der Leitung von Generalmusikdirektor Marc Piollet klingt das Orchester deutlich subtiler und etwas solider als der kraftvolle Chor.

Quelle: op-online.de

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