Alte Meister neu erfahren

Wiesbaden - Die Sanierung des Museums Wiesbaden seit 1991 mit der Erweiterung der Ausstellungsfläche von 2800 auf mehr als 7000 Quadratmeter hat Früchte getragen. Von Reinhold Gries

Das kann man bei einem Kostenaufwand von über 37 Millionen Euro auch erwarten. Wie jedoch - unter Volker Rattemeyer wie nun unter Alexander Klar - die Verwandlung des Landesmuseums zum Kunsttempel gelungen ist, ist überwältigend. Mit dem neueröffneten Südflügel zu den Alten Meistern und der neu konzipierten Naturhistorischen Sammlung im Norden zählt man nun zu den schönsten Museen Deutschlands.

Kurator Peter Forster hat Alte Kunst zu Themenräumen inszeniert und mit modernen Kontrapunkten garniert. Chronologisch geordnete Langeweile ist von gestern, auch am Entree, in dem Farben, Spiegel und Klänge von Robert Seidels schillernder Rauminstallation „Grapheme“ auf die Kunstreise einstimmen. Im oktogonalen „Kirchenraum“ haben romanischen Kruzifixe aus Köln, rheinische Madonnen im Weichen Stil, expressive Schmerzensmänner und mittelalterliche Altarretabeln die Würde zurückgewonnen, die sie durch ihre Entfernung aus Gotteshäusern verloren hatten. Das romanische Kruzifix aus Walsdorf in einer Apsis wirkt wie ein Fixpunkt, auf den sich die Figurenensembles hin orientieren. Erinnert hier einiges an das neue Konzept des Frankfurter Liebieghauses, findet man sich in anderen Räumen auf dem Niveau des Städels wieder. Allerdings ist man in Wiesbaden zurückhaltender bei den Hintergründen. Weiße und gedeckt farbige Wände bekommen religiöser Malerei des barocken Italien ebenso gut wie tonig gemalten Holländern. Die Kunstreise selbst beginnt mit goldgrundierten Tafeln vom Meister des Heisterbacher Altars und einer „Kreuzabnahme“ Rogier van der Weydens und führt über den „Meisters der Wiesbadener Heimsuchung“ zu großer Malerei von Tintoretto bis Barthel Bruyn.

Wundervoll auch der „Porträtraum“ mit Sebastiano del Piombos Bildnis der Giulia Gonzaga aus dem frühen 16. Jahrhundert, Anselm Feuerbachs „Nanna“ aus dem 19. Jahrhundert und lebensdrallen Venus-Flora-Allegorien. Opulent bestückt ist der Raum zum „Goldene Zeitalter“ niederländischer Malerei: Joos de Mompers „Berglandschaft mit Fluss“ reißt malerisch große Räume auf, die er nie gesehen hat. Früchtestillleben und Interieurs sind ebenso kostbar gemalt wie Tableaus mit alten Musikinstrumenten, Mythologien mit Totenschädel, aus dem Dunkel leuchtende Blumenstücke und Charakterstudien zum „Falschspieler“ und „Lautenspieler“. Dazu hat Kazuo Katases „Raum eines Raumes“ die Licht- und Farbenwelt von Jan Vermeers „Mädchen mit dem Perlenohrgehänge“ und „Malkunst“ in eine moderne Licht-Raum-Installation überführt. Dann folgen große Mythologien italienischer Meister wie Sebastiano Riccis „Danae“, Luca Ferraris „Fesselung des Prometheus“ oder Pietro Liberis „Venus mit Gefolge“. Vieles war nie zu sehen in Wiesbaden.

Prominent ist auch das 19./20. Jahrhundert vertreten. Karl Friedrich Lessings romantische Landschaftsgemälde begegnen Wilhelm von Kobells Landidylle, ein zartes Landschaftspastell Jean Francois Millets kontrastiert mit Gustave Courbets „Landschaft mit Wasserfall“ oder auch Otto Rohlfs‘„Vorfrühling“ und Lovis Corinths „Bauerngarten“. Dazu wirkt Jörn Staegers preisgekrönter Videofilm „Reise zum Wald“ oder Mario Merz´ Installation „Spialtisch“ keineswegs aufgesetzt. Umso besser erschließt sich auch die benachbarte große Sammlung zu Joseph Beuys. Seine in den 1970ern umstrittenen „Utopien“ und Bildobjekte zur „biologisch dynamischen Regeneration“ samt Heilkräuterlisten, gemalter Flugbahnen „Aus dem Leben der Bienen“ und Objektkästen wie „Kreuzschmerzen der Frau“ sind von der Gegenwart längst eingeholt. Logisch setzt sich solches Gedankengut in Fossilien, Mineralien und Präparaten der naturwissenschaftlichen Säle fort.

Quelle: op-online.de

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