„Konzepte entstehen nicht am Schreibtisch“

+
Stephan Pauly kam aus Salzburg an den Main.

Frankfurt - Im Wasser des Lucae-Brunnens vor der Frankfurter Alten Oper tobt ein Golden Retriever. „Da nimmt gerade einer ein Bad. “ Stephan Pauly verfolgt das Geschehen in der warmen Mittagssonne von der Terrasse des Restaurant „Opera“ aus. Von Carsten Müller

Pauly liebt Hunde, ihm fehlt aber die Zeit dafür. Ins Umland würde der Geschäftsführer und Intendant der Alten Oper Frankfurt für einen Vierbeiner aber nicht ziehen. „Wenn man neu ist, will man die Stadt spüren. “.

Und gespürt hat der vor 41 Jahren in Köln geborene promovierte Theologe, Philosoph und Regisseur in seinen ersten eineinhalb Jahren, seit er vom Salzburger Mozarteum an den Main kam, dass Frankfurt eine „sehr kommunikationsfreudige, durchlässige und entspannte Stadt“ ist. Allerhand Veranstaltungen hat Pauly in dieser Zeit besucht und festgestellt, dass unterschiedlichste Formate ein Publikum fänden, „das sich einmischt und mitdiskutiert“. Wohltuend sei auch die große Offenheit im Austausch zwischen städtischen Kulturinstitutionen.

Für diesen interdisziplinären Ansatz steht das neue „Musikfest“ der Alten Oper Mitte September, das am Beginn der ersten von Stephan Pauly verantworteten Spielzeit und im Zeichen der vor 100 Jahren uraufgeführten Ballettmusik „Le Sacre du Printemps“ von Igor Strawinsky steht. Schauspiel-Intendant Oliver Reese etwa inszeniert die Uraufführung des von ihm eigens für den Musikfest-Schwerpunkt geschriebenen Ein-Personen-Stücks „Ich bin Nijinsky, ich bin der Tod“ über den berühmten russischen Tänzer und Strawinsky-Zeitgenossen. Xavier Le Roys Performance am Eröffnungstag beruht auf einer Kooperation mit dem Künstlerhaus Mousonturm, das auf eigener Bühne weitere Inszenierungen zu „Le Sacre“ in Tanz und Performance anbietet.

Nicht zuletzt tragen auch die hr-Bigband, für die Bandleader Jim McNeely ein neues Werk geschrieben hat, das Frankfurter Opern- und Museumsorchester (Eröffnungskonzert) und die Frankfurter Bachkonzerte (Klavierabend Fazil Say) zum Festival bei, das eben nicht nur Musik, sondern beispielsweise auch Film und Foren bieten will.

„,Le Sacre’ ist ein tolles Stück, es steckt voller Rhythmus, Energie und Kraft und ist wegweisend in der Musikgeschichte“, schwärmt Stephan Pauly, der sich auf herausragende Orchesterkonzerte wie die Auftritte der Wiener Philharmoniker unter Lorin Maazel mit Martin Grubinger, Paavo Järvis Orchestre de Paris und des London Symphony Orchestra mit Daniel Harding freut

„Neue Wege zum Konzert“ will Pauly gleichfalls mit dem Musikfest gehen. Etwa mit den „Nach(t)konzerten“, das sind zwanzigminütige Nachschläge zum klassischen Konzertprogramm, die bei freiem Eintritt zur Begegnung mit Neuer Musik einladen. So folgt auf das Gastspiel des Orchestre de Paris die Aufführung einer Komposition von James Riley.

„Wir versuchen, interessante Querverbindungen zwischen Traditionellem und Neuem herzustellen“, sagt Pauly, der sich bereits mit den nächsten Musikfest-Schwerpunkten beschäftigt, die „nicht verkrampft nach inhaltlichen Brücken suchen“, sondern mit „einladender Geste“ unterschiedliche Elemente integrieren.

„Konzepte entstehen nicht am Schreibtisch. Es muss die Lust vorhanden sein, aus zwei Richtungen eine Idee zu entwickeln“, ist Pauly überzeugt. Einem solchen Programm gehen intensive Gesprächen mit international renommierten Künstlern voraus, „die sich hier zu Hause fühlen und eigene Ideen mitbringen“. Vorgänger Michael Hocks habe dafür den Boden bereitet und führende Künstler ans Haus gebunden.

An der Idee, ein Festival rund um ein prägendes Musikstück zu organisieren, will Stephan Pauly festhalten. Solche programmatische Arbeit sei aber kein Selbstzweck. „Die Alte Oper ist ein Haus für alle. Das nehmen wir sehr ernst.“ Angesichts der von 460 000 Gästen besuchten 370 Veranstaltungen sei der Anteil des Musikfestes vergleichsweise gering.

Erste Geige spielen nach wie vor die Konzerte großer Orchester, von Cleveland Orchestra bis Concertgebouw Orkest. Pauly sieht auch das als kulturellen Auftrag der Alten Oper: „Die klassische Konzertform hat in unsere digitalen Welt einen wichtigen Stellenwert. Sich zwei Stunden auf Musik zu konzentrieren und ganz darauf einzulassen, ist eine wichtige und bereichernde Erfahrung.“

Die unter seiner Ägide neu aufgelegte Konzertreihe „Pegasus“ will dies besonders Kindern vermitteln und ist dabei so erfolgreich, dass sie auf Kitas in den Stadtteilen und der Region ausgeweitet wird. „Für uns sind Kinder ebenso Publikum wie Erwachsene“, postuliert Pauly, der Erfahrungsräume und Hörerlebnisse anbieten und die lebensbereichernde Erfahrung von Live-Musik vermitteln will.

Von Bedeutung für den 18-Millionen-Etat der Alten Oper „mit einem extrem hohen Eigenfinanzierungsgrad“ – die Stadt steuert rund sieben Millionen bei – seien aber auch Vermietungen an externe Klassik-Veranstalter, an Kongresse und Veranstaltungen aus dem Unterhaltungsbereich. „Unsere Hauptaufgabe als Haus besteht darin, eine gute Balance zu finden, zwischen eigenen Veranstaltungen und diesen Vermietungen.“ Experimente seien dabei keineswegs ausgeschlossen, aber eben auch kein Dauerzustand.

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare