Großes Klang-Experiment

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Musik mit Kissen, Küchensieb und Konservendose: Cardews Klangwelten gehen mitunter eigenwillige Wege.

Frankfurt - Scheinbar spontan, einem Flashmob nicht unähnlich, bewegen sich etwa 150 Sänger gruppenweise vom Platz vor der Alten Oper auf den Frankfurter Kulturtempel zu, während bereits im Vestibül junge Leute mit Drumsticks auf Müllbehälter eindreschen. Von Harald H. Richter

Das ist nur ein Teil dessen, was am 5. Oktober erlebbar wird, wenn unter Titus Engels künstlerischer Leitung und Regie von Matthias Rebstock die Grundsätze herkömmlicher musikalischer Inszenierungen aufgehoben werden. Insgesamt 300 Mitwirkende erarbeiten anlässlich des Musikfests der Alten Oper Cornelius Cardews „The Great Learning“. Das Besondere daran: Ausführende sind nur in geringer Zahl professionelle Musiker, dafür vorwiegend Laien, die per Aufruf für die Aufführung gewonnen werden konnten. Elias Fenchel ist einer von ihnen. Etliche Jahre hat er sich an der Musikschule Mühlheim entwickeln können und studiert inzwischen in Detmold. Er gehört mit sechs weiteren Talenten, unter anderem aus dem Percussion-Studio des Frankfurter Dozenten und Ensembleleiters für Schlaginstrumente, Udo Diegelmann, zu den Trommlern. „Ich empfinde es als spannend und überaus reizvoll, an einer solch ungewöhnlichen Inszenierung beteiligt zu sein“, beschreibt der 21-Jährige seine Motivation.

Tatsächlich sprengt das Stück den konventionellen Rahmen. „The Great Learning“ besteht aus sieben einzelnen Werken, Paragraphen genannt. Die Komposition basiert auf den sieben einleitenden Absätzen des Ta Hio, des ersten der vier Bücher, die dem chinesischen Philosophen Konfuzius zugeschrieben werden. Cardew, in jungen Jahren Assistent von Karlheinz Stockhausen, benutzte eine Übersetzung Ezra Pounds und begleitete bzw. unterbrach die gesprochenen und gesungenen Textabschnitte mit ausführlichen musikalischen Interventionen, die auf unterschiedliche Weise notiert sind. Dabei verwendete er sowohl klassische Notenschrift, als auch andere grafische Darstellungsformen sowie Textbeschreibungen, die bis zur freien Improvisation reichen. Sie dienen als Vorlagen für die Frankfurter Aufführung.

Der Komponist, der 44-jährig bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam, arbeitete gern mit „untrained musicians“. Jeder, der Spannungen des Körpers und der Seele wahrzunehmen und spielerisch gestaltend mit anderen zu teilen imstande war, konnte Mitglied seines Ensembles werden, vor allem ernsthaft an Musik und Performances in experimenteller Weise Interessierte. Das ganze Werk ist auf etwa sieben Stunden angelegt, die einzelnen Paragraphen haben eine Länge zwischen 30 Minuten und zwei Stunden. Unter Titus Engel reduziert sich die Dauer auf knapp vier Stunden, ohne dass auch nur ein einziges Kapitel weggelassen wird. „Das gesamte Haus wird gleichzeitig bespielt“, erläutert Projektleiterin Ulrike Voidel den parallelen Aufführungsmodus. So rezitieren in einem der Säle etwa fünfzig Mitwirkende eine Art Sprechgesang und schlagen dazu mit Kieselsteinen einen irregulären Rhythmus, interpretieren grafisch notierte Zwischenspiele auf einfachen, teils selbst gefertigten Blasinstrumenten.

An anderer Stelle agieren Mitglieder der Akademie für Tonkunst aus Darmstadt und des Motetten-Chors Frankfurt. Mit dabei auch Lernende der Paul-Hindemith-Musikschule Hanau. Im Mozart-Saal üben 150 sogenannte „Supporting Singers“ mit Thomas Hanelt ihren Part ein, den sie am Aufführungstag auf dem Opernplatz darbieten wollen. Unter ihnen befindet sich die Maintalerin Britta Dill, Mitglied der 40-köpfigen Kantorei ihrer Heimatstadt. Sie bezeichnet die Teilnahme an dem Großprojekt als „besonderes Erlebnis“ und „unglaublich anspruchsvolle Herausforderung“.

Einer der jüngsten Mitwirkenden ist der 14 Jahre alte Lukas Schrod aus Rödermark-Urberach. Der Schlagzeuger gehört dem von Titus Engel angeleiteten Ensemble aus knapp zwei Dutzend jugendlichen Kissen-Trommlern an, das im Großen Saal agiert. Zwar hat der aus einer Musikerfamilie stammende Schüler häufig Inszenierungen in der Alten Oper erlebt, doch stets aus Perspektive des Zuschauers. „Jetzt aber stehe ich selbst auf der Bühne“, sagt er mit gewissem Respekt und mag sich das Herzklopfen nicht ausmalen, das ihn befallen wird, wenn er mit Kissen, Schlegeln und einer Parmesan-Reibe als weiterem Klanginstrument seinen Anteil zum Gelingen beisteuern darf.

Quelle: op-online.de

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