Andreas Feininger zählte zu den besten Fotografen des 20. Jahrhunderts. Die Kunsthalle Darmstadt zeigt einige seiner Werke.

Amerikas Porträtist

Auch in „Route 6“, einer Aufnahme Andreas Feiningers aus dem Jahr 1955, sind Menschen bloße Statisten der Inszenierung.

Das Amerika, wie wir es uns heute vorstellen, hat der Fotograf Andreas Feininger mit seinen Schwarzweißaufnahmen mitgeprägt: Der Blick von einer Fähre auf die Skyline von Manhattan; aus der Finsternis einer Hochhausschlucht auf den Gipfel des Cities Service Building; die 5th Avenue voll gepfercht mit Menschen und Autos; eine rohe Backsteinwand, davor eine alte, magere Afroamerikanerin; und gut gekleidete New Yorker Bürger auf einem Hügel im Central Park sitzend, dahinter ein knospender Baum, von einem Hochhausgebirge eingerahmt.

In genau dieser Reihenfolge werfen Fotografien des Künstlers an der Eingangswand der Kunsthalle Darmstadt Schlaglichter auf das Schaffen eines der sechs weltbesten Fotografen des 20. Jahrhunderts, dazu kürte ihn zumindest Peter Adam 1983 in einen BBC-Interview. Die Aufnahmen wirken hyperrealistisch – scharf, tief und detailliert. Es herrscht eine statische, fast künstliche Stimmung. Struktur und Komposition sind betont. Das Repertoire reicht von der Nahaufnahme einer Fischgräte bis zur Felsformation in der Wüste.

1906 als Sohn des Malers Lyonel Feininger in Paris geboren, wuchs Andreas Feininger in einem Vorort von Berlin auf. Nach Abbruch des Gymnasiums trat er am Bauhaus in Weimar eine Tischlerlehre an und studierte Architektur. Da Feininger Jude war, fand er im Deutschland der Nationalsozialisten keine Anstellung, so dass er nach Paris ins Atelier des berühmten Architekten Le Corbusier wechselte. Dort lernte er seine künftige Frau, die Schwedin Gertrud Hägg, kennen mit der er nach Stockholm ging, wo er als Industriefotograf arbeitete. Feininger baute Teleobjektive, schrieb Standardwerke über Fotografie. Den Höhepunkt erreichte seine Karriere, als ihn das „Life Magazine" anstellte. 1999 starb Feininger nach einem langen und fruchtbaren Leben.

Leider zeigt die Ausstellung nur einen kleinen Teil seines Werks. Dennoch ist für üppigen Augenschmaus gesorgt. Feininger erweist sich als Meister der Komposition. Ob intuitiv oder beabsichtigt, immer wieder finden sich symbolische Botschaften: Ein tristes Hausdach, auf dem eine Reihe schwarzer Vögel sitzt – einer davon hebt gerade ab; eine Brücke im Nebel scheint ins Nichts zu führen; der Giebel eines Hochhauses liegt unerreichbar in den Wolken. Technisch perfekt, ästhetisch und tiefgründig sind alle, nur Optimismus sucht man vergebens. TINA OWCZAREK

Andreas Feininger: „between black and white“, bis 30. August in der Kunsthalle Darmstadt, Steubenplatz 1. Geöffnet: Dienstag bis Freitag 11 bis 18 Uhr, Samstag und Sonntag 11 bis 17 Uhr.

Quelle: op-online.de

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