Der Milchmann und seine Frauen

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Hochzeit für Hochzeiten auf der Bühne in Dreieichenhain. 

Dreieich - Bei herbstlicher Kühle konnte das Musical „Anatevka“ die eingemummelten Besucher der Burgfestspiele Dreieichenhain so richtig aufheizen. Auf der malerisch verbretterten Bühne, die das Fluidum des ukrainischen „Schtetls“ suggerierte, sangen und tanzten sich die Dorfbewohner unverzüglich in die Herzen des Publikums. Von Eva Schumann

Ein Geiger (Benedikt Bach) hatte vorher aus luftiger Höhe die bekannte Leitmelodie gefiedelt.

Mit Joseph Steins und Jerry Bocks „Fiddler on the roof“ in der deutschen Version von Rolf Merz und Gerhard Hagen gastierte ein Ensemble der Burgfestspiele Bad Vilbel. Als „Anatevka“ hat das Stück nichts von seinem Reiz verloren. Die Inszenierung unter der Regie von Egon Baumgarten verzichtete auf modische Mätzchen und krampfhafte Verfremdungseffekte; sie vertraute auf den Witz des Textes und der Akteure. Authentisch wirkende Kostüme (Ausstattung: Thomas Pekny) erfreuten das Auge.

Nicht nur die tänzerischen Darbietungen nach der Choreografie von Stephan Brauer waren mitreißend. Schauspielerische Darstellung, Musik und Tanz wirkten in idealer Weise zusammen. Für peppige Musik aus dem Hintergrund sorgte ein Mini-Orchester unter der Leitung von Thomas Lorey, für chorische Verstärkung das Ensemble Vil-BelCanto. Dass stimmliche Leistungen nicht ganz gleichwertig waren, machte lebendige, vergnügliche Schauspielkunst wett.

Immer wieder rührt die Geschichte vom armen jüdischen Milchmann Tevje, der seine fünf Töchter vorteilhaft verheiraten will. Tradition bestimmt das Leben des Dorfes Anatevka, die Tradition ehren auch Tevje und seine Frau Golde. Nach altem Brauch muss der Heiratsvermittler (hier in weiblicher Person die temperamentvolle Inez Timmer) den passenden Ehepartner aussuchen und der Vater seine Einwilligung zur Ehe geben. Doch Liebe und töchterliches Aufbegehren machen ihm einen Strich durch die Rechnung.

Zeitel, die Älteste, lässt sich nicht mit dem wohlhabenden, aber viel älteren Fleischer verkuppeln, sondern entscheidet sich für den armen Schneider Mottel. Hodel verliebt sich in einen Revoluzzer, Chava gar in einen nichtjüdischen Russen. Nachdem Zeitel dem Papa den Segen abgerungen hat, schafft es auch Hodel. Nur Chava, die sich heimlich vom Popen hat trauen lassen, wird verstoßen. Den Frieden des multikulturellen Dorfes stören Pogrome und schließlich die Abschiebung der jüdischen Bevölkerung. So wechseln selbst im heiteren Musical Lachen und Weinen.

Marco Jorge Rudolph als Mittelpunkt des Ganzen verfügt über die eindrucksvolle Statur, die man sich für Tevje vorstellt. Überzeugend redete er mit Gott, wog hintersinnig das Einerseits und Andererseits ab, bald brauste er auf, bald stiftete er Frieden, bald schickte er sich als weichherziger Papa in die Neuerungen der Zeit. Ein Höhepunkt war die Abschiedsszene, als Hodel ihrem Revolutionär nach Sibirien nachreist. In der pfiffigen Traumerzählung, die Golde den Bräutigam Zeitels schmackhaft machte, inszeniert mit einem Bett über der Bühne und viel Gekreisch, setzte sich Comedyhaftes durch. Köstlich die turbulenten Dorfszenen mit Hochzeitsfeier, Begegnungen im Wirtshaus und Streitigkeiten.

Marina Edelhagen beeindruckte als selbstbewusste Golde, die für ihre Töchter das Beste will und ihrem Ehemann Paroli bietet. Dorothée Kahler, Nina Vlaovic und Stephanie Marin nahmen als Töchter mit individueller Gestaltung für sich ein, ebenso Oliver Heim, Udo Eickelmann und Raphael Koeb als ihre Partner. Alles in allem: ein lohnender Abend, der viel Beifall erhielt.

Quelle: op-online.de

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