Angebliche Irre und eingebildeter Kranker im Hof

Heppenheim - „Finden Sie nicht, dass ich dem Schauspiener Nikonaus Schinning ähnene?“ Der Satz macht zweierlei klar: Wir sind in Heppenheim, wo der bald 88-jährige Nikolaus Schilling das Urgestein der Festspiele im Kurmainzer Amtshof darstellt. Von Markus Terharn

Und gegeben wird „Pension Schöller“, jener unsterbliche deutsche Schwank-Klassiker, in dem ein junger Kellner mit L-N-Sprachfehler hoffnungslosen theatralischen Ehrgeiz entwickelt.

Im Kabinett zweibeiniger Kuriositäten, das Wilhelm Jacoby ersann und Carl Laufs ausführte, ist Schillings als polternder Preußen-Major Teil eines ausgeglichenen Ensembles. Noch mehr Beifall bekommt Stefan Maaß als verzweifelter Möchtegern-Mime. Trockenen Berliner Witz bringt TV-Star Horst Sachtleben ein als reicher Rentier, der eine „Irrenanstalt“ besichtigen will und von seinem Neffen (Alexander Kreuzer) in eine Pension mit skurrilen Gästen eingeladen wird. In Pia Hänggis ideenreicher Regie glänzt Uwe von Grumbkow als prahlerischer Großwildjäger, Gabriele Welker als spinnerte Schriftstellerin, Achim Stellwagen als betulicher Pensionsleiter, Inge Rassaerts als mannstolle Schwägerin und Maria Altmann als heiratsfähige Tochter.

Dreh- und Angelpunkt der zweiten diesjährigen Inszenierung ist Walter Renneisen als Molières „Eingebildeter Kranker“. Wie er sich auf Einläufe freut wie andere aufs Essen, sich Ärzten sowie Apothekern unterwirft und im Gesundheitswahn seine Familie tyrannisiert: Das ist eine Seite seines Wesens. Andererseits wird sein liebenswerter Kern herausgeschält. Regisseur Jürgen Nola hat die bekannte Komödie radikal umgeschrieben – und recht daran getan. Zum Gegenpol der Titelfigur avanciert Toinette, von Susanne Schrader-Weber umwerfend schlagfertig verkörpertes Hausmädchen. Sonderapplaus gilt Stefan Maaß als debilem Medizinerspross. Viel zur Wirkung tragen die fantasievollen Barockkostüme der Offenbacherin Monika Seidl bei.

Heppenheim ist in diesem Sommer nicht bloß eine Reise wert. Sondern deren zwei!

‹ Heppenheimer Festspiele bis 4. September

Quelle: op-online.de

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