Schau im Kommunikationsmuseum

Für manche gab's die Todesstrafe

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Die Klebezettel richteten sich nicht nur gegen die Juden, sondern auch gegen den politischen Gegner.

Frankfurt - ,,Angezettelt“ lautet einprägsam der Titel einer Ausstellung im Museum für Kommunikation in Frankfurt, sie beschäftigt sich mit ,,Antisemitismus im Kleinformat“ - in der Gestalt von Klebezetteln. Von Stefan Michalzik 

In großer Auflage sind sie verbreitet gewesen, besonders in Zeiten der politischen Mobilisierung waren sie zeitgenössischen Quellen zufolge in den Städten nicht zu übersehen. Von meist unbekannter Hand wurden sie auf Wänden und auf Fensterscheiben angebracht, in Paternostern, potenziell auf jeder sichtbaren Fläche - und sie haben dazu beigetragen, dass die Atmosphäre von den Geschmähten als bedrohlich empfunden worden ist.

Die Angegriffenen, sehr oft waren es Juden, setzten sich mit Gegenaufklebern zur Wehr.

Aufkleber sind nicht eine Erfindung von antisemitischer Seite gewesen. Im 19. Jahrhundert ist dieser Kommunikationsweg im Zuge der Herausbildung einer medial geprägten Konsumgesellschaft aufgekommen. Markenfirmen wie Liebig’s Fleischextrakt oder Stollwerck haben Sammelbilder für Einklebealben verbreitet. Siegelmarken wurden zum Verschließen von Briefen verwendet, es wurde damit zu Spendenaktionen aufgerufen. Um die Wende zum 20. Jahrhundert wurden Klebezettel zunehmend als Mittel der politischen Agitation entdeckt.

Im antisemitisch motivierten Teil sind rassistische Klischees reproduziert worden, nach dem Ersten Weltkrieg wurde den Juden eine Schuld an der Misere Deutschlands zugeschrieben. Neben Versuchen einer juristischen Abwehr hat es Gegenaufkleber gegeben, vertrieben unter anderem vom Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, der 1893 in Berlin gegründet wurde. Aufkleber gab es im Exil, auch der Widerstand hat sich dieses Mittels bedient, es stand die Todesstrafe darauf. Die Nazis haben Aufkleber für die Kennzeichnung von jüdischen Geschäften benutzt.

Auf schlichten Schauwänden werden in der Ausstellung knapp und präzise Hintergründe dargestellt, wissenschaftlich fundiert durch die Arbeit der Kuratoren Isabel Enzenbach und Marcus Funck vom Zentrum für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin. Vitrinen offerieren den Blick in aufgeklappte Sammelalben.

Bei ungefähr hundert der rund sechshundert Exponate handelt es sich um Leihgaben des Sammlers Wolfgang Haney. Der einstige Tiefbauingenieur wurde 1924 in Berlin geboren, seine jüdische Mutter hat die Nazizeit in einem Unterschlupf überlebt, er selbst musste Unterdrückungsmaßnahmen über sich ergehen lassen. In den 90er Jahren hat er begonnen, eine umfängliche Sammlung von Antisemitica anzulegen, mit einer obsessiven Leidenschaft. Das letzte Kapitel der Ausstellung gilt der Gegenwart. Die alten Stereotypen werden weiterhin verbreitet, hinzugekommen sind Motive wie die Leugnung des Holocausts und die über eine qualifizierte Kritik hinausgehende Feindlichkeit gegen Israel. Muslimfeinde und Moscheebaugegner kochen ihr Süppchen, die Frau wird auf die Rolle als Mutter verwiesen. Ende des 19. Jahrhunderts schon ließen Antisemiten Aufkleber in der Art von Bahnkarten mit der Aufschrift ,,Nach Jerusalem - Hin, nicht zurück“. Heute wird ein Flugticket nachgeahmt, für Migranten, One-Way, ,,Ziel Heimat“ - zugleich gibt es einen Button mit dem Schriftzug ,,Flüchtling willkommen“.

„Angezettelt Antisemitismus im Kleinformat“, Museum für Kommunikation, Schaumainkai Frankfurt, bis 21. September zu sehen, Öffnungszeiten Dienstag bis Freitag von 9 bis 18 Uhr, Samstag, Sonntag, feiertags von 11 bis 19 Uhr.

Quelle: op-online.de

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