Angst als Gelegenheit zur Umkehr

Bei Peter Henning möchte man nicht Romanfigur sein. Jedenfalls nicht in seinem aktuellen Werk „Die Ängstlichen“, das die Kritik sogleich zum „vorläufigen Opus Magnum“ ausgerufen hat.  Von Markus Terharn

Seine zweite Lesung führte den Autor in die Frankfurter Romanfabrik, die dritte in den Offenbacher Buchladen am Markt.Der Anfang erinnert an das Hollywood-Rezept „Mit einem Erdbeben anfangen und langsam steigern“. Nach dem Einstiegssatz „Auf dem fünftgrößten Planeten im Sonnensystem herrschten in diesen Tagen Missstand und Furcht“ zieht ein Orkan über Hanau auf, der ein Weltuntergangs-Epos nahelegt. Doch es folgt eine Familiengeschichte, deren Katastrophen sich in den Personen abspielen. Er habe „sie unter Druck setzen und ihnen eine Chance zur Revision ihres Lebens geben“ wollen, formuliert Henning.

Der Leidensdruck kommt eher aus dem Inneren als aus den äußeren Gegebenheiten. Einige Mitglieder der Jansen-Sippe, in deren Zentrum die alte Johanna steht, stellte der Schriftsteller vor. Da ist Ulrike, deren Hässlichkeit penibel ausgemalt wird, in die Frage mündend: „Wie bin ich so geworden?“ Dann Ben, Sportjournalist und „Hypochonder im besten Sinne“. Und Helmut, der immerhin objektiv Grund zur Sorge hat; muss er doch ins Krankenhaus, weil er Blut im Urin hat. Wirft ihn deshalb die Begegnung mit einem frechen Jungen derart aus der Bahn?

Auszüge aus den 500 Seiten machen klar: Peter Henning ist einer, der schonungslos beschreiben kann – und doch mit seinen Charakteren fühlt. Es klingt glaubhaft, wenn er sagt, dass er sie liebe. Seine Sprache, unerbittlich genau, mit Medizinerdeutsch durchsetzt, bringt ihre Furcht zum Ausdruck. Man merkt, dass der 50-Jährige mehr als fünf Jahre lang daran gearbeitet hat. Dass viel von ihm eingeflossen ist. Dass er nicht nur seine Geburtsstadt Hanau, sondern auch bedrückende familiäre Verhältnisse kennt. Und mit dem Thema Angst liegt er auf der Höhe der Zeit.

Quelle: op-online.de

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