Das Leben ist ein Stickmuster

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Olga Petrova (28).

HfG-Absolventin Olga Petrova erzählt das Leben ihrer Urgroßmutter in einem Animationsfilm – und erntet damit Preise. Von Katharina Platt

Der Preis steht auf einem Regal im Arbeitszimmer. Die weiße, geschwungene Schrift auf schwarzem Grund verrät: Olga Petrova ist Talent des Jahres 2010. Ausgezeichnet vom Art Directors Club (ADC). Die schlichte Urkunde ist unter Grafikern so etwas wie ein Ritterschlag. Innerhalb weniger Wochen haben sich weitere Auszeichnungen hinzugesellt. Alle hat Olga für „Marivanna“ bekommen, ein animierter Film über das Leben ihrer ukrainischen Urgroßmutter – ihre Diplomarbeit an der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Offenbach.

Geschichte ist traurig, dramatisch und schrecklich realistisch

In den letzten Wochen ist die Blondine, die es sich zum Interview in kurzer Hose, buntem Schal und kuscheliger Strickweste in ihrer Küche bequem gemacht hat, viel gereist, hat viele Kontakte geknüpft. Und alles wegen „Marivanna“, deren Geschichte die Urenkelin in leicht gebrochenem Deutsch und mit animierten Stickbildchen erzählt. Mit folkloristischen Klängen und Hahnenschrei erscheinen nach dem Drücken der Playtaste die ersten bunten Stickmuster. Ein Kinderfilm? Ein neue Version von Super Mario? Doch die Geschichte die Olga erzählt, ist traurig, dramatisch und schrecklich realistisch. Sie berührt und erschüttert. Marivanna, geboren 1904, erlebt den Tod von sechs Geschwistern, das Dahinsiechen ihres Vaters, Elend, Krankheit, Krieg, Folter, Armut, Hunger und Leid unter der Herrschaft des Zaren. Alles erzählt mit Stickereien, die Olga am PC programmiert hat. Am Rand wachsen Ranken, während zwischen ihnen das Leben Marivannas vorbeizieht. Ein Leben, erzählt im Schnelldurchlauf und mit viel Liebe zum Detail: Feiner Kreuzstich, zusammengesetzt zu kleinen Figuren, im Kleid, in Uniform. Die Stiche erinnern an grobe Pixel alter Computerspiele.

„Wir standen uns sehr nah“, erzählt Olga. Die Idee zum Film kam ihr, als ihre Mutter ihr die Aufzeichnungen der Urgroßmutter schickte. Es fiele ihr leichter, Arbeiten zu verwirklichen, mit denen sie persönliche Erfahrungen verknüpfen kann, sagt sie. Gesammelt hat die 28-Jährige diese in ihrer Geburtsstadt Kiew. Schon als Jugendliche hat sie gemalt und zwei Jahre bei einem Künstler gelernt. Danach kam sie als Au-pair nach Deutschland und ist geblieben. Hat ihren Mann kennen gelernt und an den besten Kunsthochschulen der Region studiert.

„Ich mag Details“

Auf dem Küchentisch an dem sie sitzt, kleben zwei weiße Spitzendeckchen aus dünnem Plastik. Während Olga erzählt, zieht sie eines immer wieder langsam vom gewachsten Holz, um es dann mit einer sanften Bewegung glatt zu streichen. Die Deckchen erinnern an Häkelarbeiten von Großmütter. Es gibt noch mehr in der Wohnung von Olga und ihrem Mann, das ähnliche Vorstellungen hervorruft. Schäfchenwolkenweiße Gardinen in der Küche, mit gehäkelten Karos, durch die die Junisonne blinzelt. Eine tickende Wanduhr, die der Zeit ein Geräusch verleiht und gleichzeitig den Eindruck erweckt, man sei in alte Zeiten zurückversetzt. Bunt gemusterte Teppiche, die die Schritte verschlucken und farbenfrohe Wandteppiche, die vergessen lassen, dass man mitten in Frankfurt Sachsenhausen sitzt und nicht in der Küche der ukrainischen Großtante, die gerade Kakao durch ein Sieb gießt.

Den Animationsfilm von Olga Petrova können Sie sich hier anschauen.

„Ich mag Details“, sagt Olga und man weiß sofort, was sie meint. Dennoch ist ihre Wohnung über der Schweizer Straße weder kitschig noch überladen. Keine verstaubten Sammlungen aus dem Überraschungs-Ei, kein geblümter Duschvorhang im Frankfurter Bad. An den Wänden hängen ihre eigenen Bilder. Alle gerahmt in den unterschiedlichsten Farben und Formen. „Die Rahmen sind von meinen Eltern“, verrät die zierliche Künstlerin. „In der Ukraine rahmt man alles. Daraus haben meine Eltern ein Geschäft gemacht.“ Alles was die 28-Jährige auf Leinwand oder zu Papier bringt, erhält von ihren Eltern in Kiew den richtigen Rahmen. „Vor einiger Zeit bin ich mit meinem Vater auf dem Jakobsweg gepilgert. In den Pausen habe ich gemalt. Und weil ich die Bilder nicht mit mir rum tragen wollte, habe ich meiner Mutter jeden Tag eins nach Hause geschickt. Sie hat sie gerahmt und mir nach Deutschland gesendet.“ Am Ende der Reise hat Olga ihren Farbkasten am Strand stehen lassen. In der Hoffnung jemand würde ihn finden. „Aber vielleicht hat ihn sich eine Welle geholt,“ rätselt sie.

Weiterer Animationsfilm soll entstehen

In der Dreizimmerwohnung dürfen Gäste ebenfalls pilgern. Die kleinen Aquarelle an der Wand verraten ein wenig von der gemeinsamen Reise von Vater und Tochter. Fast alle zeigen Details. Sie verbinden Olgas Werke, die auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnten. Auf der einen Seite die bunten Aquarelle und kräftigen Ölgemälde. Viele von ihnen sind in den zwei Jahren an der Städelschule entstanden, die Olga nach ihrer Schulzeit besucht hat. Auf der anderen Seite ihr animierter Film „Marivanna“. Alles hat etwas idyllisches, heimeliges und weckt tief verborgene Erinnerungen an Abende Zuhause. In allem erkennt man Olgas Liebe zu Einzelheiten.

Zurzeit arbeitet die junge Frau wieder ohne Pinsel und Tuschkasten. Am PC soll ein weiterer Animationsfilm entstehen. Außerdem hat sie einen Auftrag eines bekannten ukrainischen Musikers, dessen Songs mit animierten Filmen zu visualisieren. Eine eigene Internetseite ist ebenfalls in Planung.

„Erfolg ist etwas Komisches“, erwidert sie auf die Frage, ob sich für sie viel durch die Auszeichnung des ADC verändert habe. Geld oder konkrete Jobangebote habe sie bisher noch nicht bekommen, verrät sie. Ihr Leben wird sich in Kürze dennoch verändern, denn sie erwartet ihr erstes Kind und schreibt damit die Geschichte von Marivanna mit einem Ur-Urenkelchen fort. Nicht gestickt. Sondern lebendig und in Farbe.

Quelle: op-online.de

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