Ankerplätze der Seele

Architekt Richard Neutra auf der Terrasse des Bucerius-Hauses am Lago Maggiore. Foto: Martin Hesse

Lieblingsaufgabe des Architekten Richard Neutra (1892-1970) war es, Villen für die US-amerikanische Oberschicht zu bauen. „It´s a Neutra“, riefen stolze Bauherren in Hollywood aus, wenn sie ihren kalifornischen Traum sonnendurchfluteter Villen in herrlichen Parks vorzeigten. Von Reinhold Gries

Darüber ging in Vergessenheit, dass Neutra in Nachfolge von Le Corbusier und Frank Lloyd Wright auch in Europa gestaltete. Traumvillen wie beispielgebenden Wohn- und Reihenhaussiedlungen von 1960 bis 1970 zeigt das Deutsche Architekturmuseum Frankfurt zur Eröffnung des „1. Architektursommers Rhein-Main“ seit gestern.

Lieblingsaufgabe des Architekten Richard Neutra (1892-1970) war es, Villen für die US-amerikanische Oberschicht zu bauen. „It´s a Neutra“, riefen stolze Bauherren in Hollywood aus, wenn sie ihren kalifornischen Traum sonnendurchfluteter Villen in herrlichen Parks vorzeigten. Darüber ging in Vergessenheit, dass Neutra in Nachfolge von Le Corbusier und Frank Lloyd Wright auch in Europa gestaltete. Traumvillen wie beispielgebenden Wohn- und Reihenhaussiedlungen von 1960 bis 1970 zeigt das Deutsche Architekturmuseum Frankfurt zur Eröffnung des „1. Architektursommers Rhein-Main“ seit gestern.

Natur und Architektur: Wegweisende Entwürfe aus den Sechziger Jahren präsentiert das DAM. Fotos: Martin Hesse/Department of Special Collections

Die Festwochen des Bauens hätten kaum besser beginnen können, die ja Zugewinn von Lebensqualität durch Architektur demonstrieren und dabei entsprechende kreative und innovative Prozesse transparent machen wollen. Neutras „biorealistisches“ Credo passt: „Ein richtig entworfenes Haus ist nicht ein statisches Gebäude, sondern ein Spiegel des Naturgeschehens darum herum, und gerade dadurch eine immer neue Seelenerfrischung.“ Dazu sammelte der früh ökologisch Denkende von Auftraggebern detaillierte Auskünfte über Lebensumstände, Wünsche, Träume und Vorlieben, bevor er „Ankerplätze der Seele“ entwarf.

Man sieht es kristallklar komponierten, meist mit Flachdach versehenen Bungalows und Villen an, wie sie kalifornischen Traum von Licht und Luft in die Schweiz, nach Deutschland und Frankreich trugen. Der „Reflecting Pool“ für Haus Rentsch in Wengen spiegelt Berglandschaft und Wolken in die Innenräume. Große Glasflächen unterstützen Raumweitung ebenso wie „Spiderlegs“. Dabei werden Deckenbalken und -träger über die Fassade hinausgezogen, um fast schwerelos auf Stützen zu ruhen. Das elegante Winkelwerk ermöglicht es, statisches Gerüst von der Fassade zu lösen. Zu studieren ist das auch an Zeichnungen, Fotos und Modellen zum Königsteiner Haus Rang, zur Casa Ebelin des Verlegers Gerd Bucerius über dem Lago Maggiore oder der Casa Grelling in Ascona. Beim Anblick solch stilistisch perfekter, sensibel in die Umgebung eingefügter Bauwerke kann niemand neutral bleiben.

Man sieht auch, wie der in den 20ern in die USA ausgewanderte Lebensreformer aus Wien, der in den 60ern nach Europa zurückkehrte, seine (Bauhaus-)Ideen in Möbelentwürfen festhielt.

„Richard Neutra in Europa“ bis 3. Juli im DAM Frankfurt. Geöffnet: Dienstag sowie Donnerstag bis Samstag 11 bis 18, Mittwoch 11 bis 20, Sonntag 11 bis19 Uhr

Aber er wollte nicht nur für die oberen 10 000 arbeiten. Zur Bewobau-Siedlung Mörfelden-Walldorf schreibt Bewohner Peter Härtling: „Neutras Vorstellung vom Wohnen war auch eine Vorstellung von Gemeinsamkeit. Für eine Zeitlang stimmte das, (...) weil die Häuser in einer offenen Parklandschaft standen.“

Als der Schriftsteller 1967 einzog, galten solche Bauten mit großen Glasflächen noch als kalt. So wirken Neutras Steinwände und dunkle Hölzer zum Wuppertaler Haus Pescher heute nicht mehr, zumal sie innen mit gut proportionierten Grundrissen und warmtonigen Hölzern überzeugen. Organisch sind auch die Quickborner Bewobau-Siedlungshäuser in Gärten und Terrassen eingefügt. Pflanzen, Wasser, Steine, Licht: Diese Elemente guten Bauens feierten eine Renaissance.

Quelle: op-online.de

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