Louis Begley

Anklage in der Affäre Guantánamo

Der französische Hauptmann Alfred Dreyfus wird 1894 angeklagt, weil er Militärgeheimnisse an Deutschland verkauft haben soll. Mit gefälschten Beweisen wird er zu lebenslanger Haft auf der Teufelsinsel vor Französisch-Guayana verurteilt. Nach fünf Jahren kommt es zur Revision, 1906 wird er rehabilitiert.

Diese Affäre rollt US-Autor Louis Begley in seinem Buch „Der Fall Dreyfus – Teufelsinsel, Guantánamo, Albtraum der Geschichte“ auf, das er in Begleitung von Schauspieler Mario Adorf in der Frankfurter Alten Oper vorgestellt hat.

Detailliert dokumentiert Begley, wie Dreyfus Opfer von Rechtsbrüchen und Rassismus wurde. Dabei gehen seine Ambitionen über die historische Rekonstruktion hinaus: Er zieht die Parallele zum US-Gefangenenlager Guantánamo. Nüchtern und distanziert ist sein Ton, er geht mit Vergleichen zum so genannten Krieg gegen den Terror sparsam um – dafür aber präzise und treffsicher. Auch wenn er klarstellt, sein Ehrgeiz reiche nicht für eine Entsprechung zu Émile Zolas Artikel „J’accuse“ zur Verteidigung von Dreyfus, spürt man, dass Begley ein kluges, ein wichtiges Buch geschrieben hat.

Analogien drängen sich auf: Viele Amerikaner hielten die Häftlinge in Guantánamo schon deshalb für Terroristen, weil sie Muslime sind, so Begley. Militärprozesse ohne ordentliche Verteidigung, Aushebelung von Rechtsnormen – es gehe mit Folterungen sogar über die Dreyfus-Affäre hinaus, meint der 75-Jährige.

Wohin mit ehemaligen Guantánamo-Insassen? Sie in die USA zu lassen, hält Begley wegen innenpolitischer Widerstände für unmöglich. Daher macht er sich stark dafür, dass europäische Länder sie aufnehmen. „Wir bitten unsere Freunde um Hilfe, um ein Problem zu lösen, das Scham über uns alle bringt – die Vorstellung, dass Unschuldige über Jahre in Haft sitzen.“ FRANZISKA EHRHARDT

Quelle: op-online.de

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