Annäherung an Vater und Selbstmörder

Die Frage, was an seinem Werk autobiografisch sei, findet mancher Schriftsteller beleidigend. Nicht so Sibylle Lewitscharoff, die freimütig einräumt: „Mein Vater war Bulgare, Frauenarzt in Stuttgart, umschwärmt – und hat sich das Leben genommen.“  Von Markus Terharn

Um einen solchen Mann geht es in ihrem Roman „Apostoloff“, der bei Suhrkamp erschienen ist und den sie im bestens besuchten Frankfurter Literaturhaus vorgestellt hat.

Das könnte eine arg bedrückende Geschichte sein; wäre die Autorin, geboren 1954, nicht mit dieser Wortgewalt, diesem Sprachwitz gesegnet! Gewöhnliche Sätze unterlaufen ihr nicht. Alles ist originell ausgedrückt, ohne dass es verkrampft wirkte, klingt wie noch nie gehört, wie ein Gedicht: „Bitte mich zu entbehren“, sagt der Vater, der „seit 39 Jahren Gebrauch von der Ewigkeit“ macht. Das gilt auch für den Vortrag, leise, ausdrucksvoll, süddeutsch getönt und durchaus gewöhnungsbedürftig, von regem Mienenspiel begleitet. Viel fehlt nicht zum Gesang.

Eine böse Zunge besitzt die Erzählerin, die elfjährig ihren Vater verloren hat. Lewitscharoff rezitiert Passagen, die rückblickend ein Bild dieses „Selbstmörders in spe“ zeichnen. Sie spart nicht mit bissigen Seitenhieben gegen die zwei Jahre ältere Schwester, „das Miststück“, die sich nicht wehrt. Die Rahmenhandlung (der Titelheld fährt die Frauen durch Bulgarien, wo ihr Erzeuger endbestattet werden soll) lässt sie weg.

Gut kommen da weder der Balkan noch das Schwabenland weg. Gekonnt spielt Sibylle Lewitscharoff mit Klischees. Das Publikum erhält Kostproben ihres grotesken, makabren Humors, wenn sie etwa eine Jagdstrecke schildert oder die Verschwörungstheorien ihrer Sofioter Verwandtschaft ausbreitet. Sogar Frankfurt findet Erwähnung. Wiewohl nur als Schauplatz eines weiteren Freitods ...

Quelle: op-online.de

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