„Anne, wenn du wüsstest!“

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Fritzi Haberlandt las in Frankfurt aus dem Werk des jüdischen Mädchens, das davon träumte Schriftstellerin zu werden.

Frankfurt - Der S. Fischer Verlag hat seine Gesamtausgabe der Schriften von Anne Frank mit bisher unveröffentlichten Briefen und Dokumenten vorgestellt. Von Christina Lenz

Die Schauspielerin Fritzi Haberland und Anne Franks Cousin Buddy Elias lasen in der Deutschen Nationalbibliothek Tagebucheinträge und Briefe der 1945 im Konzentrationslager gestorbenen Autorin. Ganze Generationen haben das „Tagebuch der Anne Frank“ gelesen, waren von der Alltagsbeschreibung des jungen Mädchens gerührt, von ihrem gewaltsamem Ende im KZ Bergen Belsen zutiefst schockiert. Die Veröffentlichung sämtlicher Texte verdankt sich einem fast zufälligen Fund: Die Ehefrau von Buddy Elias hatte unzählige, unveröffentlichte Dokumente auf einem Dachboden entdeckt. Der Cousin, selbst Frankfurter, wandte sich vor der Lesung ans Publikum: „Es war immer ihr Traum gewesen, irgendwann etwas zu veröffentlichen.“ Er fügte gerührt hinzu: „Anne, Anne, Anne, wenn du wüsstest!“

In den Briefen erscheint Anne Frank als intelligentes, äußerst lebendiges Mädchen, das sich gern unverblümt an ihre Leser wendete. Ihr Ausdruck ist von beeindruckender Kreativität, von stilistischer Vielfalt und sprühendem Humor. Zum 17. Geburtstag schickt sie einen Brief an den offenbar sehr geliebten Cousin Bernd (Buddy Elias), gratuliert ihm auf ihre eigene freche und doch herzliche Art. Als Elias den Brief zu Ende gelesen hat, sagt er traurig und trocken: „Dies war das letzte Lebenszeichen. Ich konnte ihr nicht mehr schreiben.“

Anne Frank, 1929 in Frankfurt geboren, flüchtete 1933 mit ihren Eltern nach Amsterdam. Zwei Jahre lang versteckte sie sich mit ihren Eltern, Geschwistern und einer befreundeten Familie auf 50 Quadratmetern im Hinterhaus an der Prinsengracht in Amsterdam. Während dieser Zeit schrieb Anne Frank viele Texte und Briefe, die eine unbändige Kraft und Lebenslust erahnen lassen. Die Zweite Version ihres Tagebuchs verfasste sie explizit für die Nachwelt. Sie überarbeitete, strich und fügte Unmengen an Informationen über ihr Leben im Versteck hinzu, sagt Biografin und Übersetzerin Mirjam Pressler: „In der zweiten Version wird sie zur Schriftstellerin“.

Der letzte Satz ihres Tagebuchs endet mit der so typischen Mischung aus Nachdenklichkeit und sprachlicher Kraft: „... suche dauernd nach einem Mittel, um so zu werden, wie ich gern sein würde und wie ich sein könnte, wenn ... wenn keine anderen Menschen auf der Welt leben würden“. Ihre Suche, ihre Träume und ihr ganzes Leben musste Anne Frank kurz danach für immer hinter sich lassen.

Quelle: op-online.de

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