Ins Antlitz des Krieges geblickt

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Kunst ruht in sich: Marion Linke nimmt für ein Foto auf dem Sofa Platz, das mit genagelten Patronenhülsen überzogen ist.

Offenbach - Sie sind verheiratet, arbeiten als Künstler lange schon zusammen, haben ein gemeinsames Anliegen. Und doch ist beider Umgang mit den aktuellen Sujets Krieg und Gewalt höchst individuell. Von Carsten Müller

Marion Linke und Michael Marx aus der Schweiz zeigen im Salon 13, dem Ausstellungsraum des Bundes Offenbacher Künstler (BOK), ihre Objekte, Installationen und Skulpturen unter dem Titel „Fette Beute“. Diese Kunst hat fraglos eine Botschaft, und man hat selten so drastisch-klare Positionen im Ausstellungsraum an der Kaiserstraße gesehen.

Vor mehr als zwei Jahrzehnten sind Kleine, die von der Glaskunst kommt, und Marx, der Kunstpädagoge und Bildhauer ist, in die Schweiz gezogen, mittlerweile so integriert, dass Marion Linke für ihre Objekte sogar auf Unterstützung des Militärs bauen kann. Die Künstlerin verarbeitet leere Patronenhülsen, die sie von der Schweizer Armee requiriert, zu lebensgroßen Objekten mit frappierender Wirkung.

Mit feinem Draht verbunden entsteht etwa aus einer Vielzahl von Kleinteilen ein Kinderkleid, Sinnbild für die schlimmen Verletzungen, die gerade Kinderseelen im Krieg davontragen. So dient das filigrane Geflecht mit Spitzensaum gleichsam als Rüstung, aus der Drähte wie Stacheln ragen, um sich schlimmer Eindrücke zu erwehren. Und auch das Schaukelpferdchen scheint auf Krieg gebaut, weil Kinderspiel hier nicht unbefangen sein kann.

Marx erzählt von Erniedrigung, Leid und Qual

Kunst wühlt auf: Emotional aufgeladen sind die bildhauerischen Positionen von Michael Marx.

Nebenan steht ein Sofa, trutzig und massiv wirkt es in seinem metallenen Glanz aus genagelten Patronenhülsen, davor eine aus gleichem Material gewebte Auslegware, unbequeme Loge für ein angesichts medial transportierter Gewalt abgestumpftes Publikum. Aber auch ein Spiegelbild einer Bequemlichkeit, gegen die Marion Linke mit ihren Werken angehen will. Optischer Fluchtpunkt ist ein menschlicher Schädel aus Zündhütchen, der den Besucher lippenlos angrinst: „Face of War“ heißt er, das Antlitz des Krieges. So sehr die Objekte von Marion Linke fixiert und in sich zu ruhen scheinen, so emotional wirken die Darstellungen des Michael Marx, der mit gekonnter Schnürung aus Papprollen, Schaumstoff, Kupferblech, Wachs, aus Sackleinen und Stoff Menschengestalten formt. Mal sind seine ausgemergelten Protagonisten wie eine DNA-Sequenz aufgereiht, mal fast lebensgroß zu einer Bodeninstallation vereint, mal wie die Hüllen Gekreuzigter auf Stelen gewickelt.

Marion Linke und Michael Marx „Fette Beute“ noch bis 2. Mai in der BOK-Galerie Salon 13, Kaiserstraße 13, Offenbach. Geöffnet: Mittwoch und Sonntag von 15 bis 18 Uhr.

Marx erzählt von menschlicher Erniedrigung, Leid und Qual. Gefolterte, Ausgezehrte, Flüchtende und ihre erschütternden Schicksale hat er in aufwühlenden Dioramen und Installationen verewigt. Gepeinigt der mit Wachs bezogene und mit Draht umwickelte Korpus, dessen Oberfläche vielerlei Spuren zeigt, wie Narben exzessiver Gewalt. Marx bedient sich einer elementaren Formensprache, verwendet natürliche Materialien wie Erdpigmente, Federn, Holz, Wachs, Stoff und Draht, Fundsachen aus seiner näheren Umgebung, die seinen Arbeiten eine fundamentale Kraft verleihen. Und in dieser ausentwickelten Materialität findet das künstlerisch arbeitende Ehepaar schließlich wieder zusammen – auf der einen Seite organische Stofflichkeit, auf der anderen metallische Präzision, auf der einen eine anklagende Botschaft, auf der anderen subtiler Horror, der erst allmählich seine verstörende Wirkung entfaltet. Dabei sind die beiden alles andere als ideologische Eiferer, sondern typisch bedächtige Schweizer, allerdings ohne Akzent.

Quelle: op-online.de

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