Im Bann eines Wasserwesens

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Eine Nixe strebt nach Menschengestalt: Der niederländische Regisseur und Bühnenbildner hat das Lyrische Märchen in ein Naturkundemuseum verlegt. Das Szenenfoto zeigt Tanja Ariane Baumgartner als Fremde Fürstin (oben), Amanda Majeski als Rusalka und Zoltan Nyari als Prinz.

Frankfurt - Senckenberg lässt grüßen: In einem Naturkunde-Museum hat Regisseur und Bühnenbildner Jim Lucassen Dvoraks Lyrisches Märchen „Rusalka“ angesiedelt. Und erhielt dafür zur Premiere an der Oper Frankfurt uneingeschränkt Beifall. Von Klaus Ackermann

Der galt zudem Dirigent Sebastian Weigle, der mit dem Opern- und Museumsorchester Dvoraks romantischen Klang-Strom zu kanalisieren verstand. Bravorufe gab es für die Titelheldin Amanda Majeski, selbst in stummer Rolle überzeugend. Dass die durchweg spannende Wiederaufnahme einer Produktion der Opéra National de Lorraine weiterhin auf Erfolgskurs geht, dazu braucht es keinen Propheten.

Ausgestopfte Tiere in Vitrinen und eine Guckkastenbühne mit einer Bilderbuch-Waldlandschaft, mit sprudelndem Quell und dem Wasserwesen Rusalka, schon zum Vorspiel in Denkmal-Pose. Hier regiert in Alltagskleidung (Kostüme: Amélie Sator) die Hexe Jezibaba, die ihr magisches Urwissen aus der Bibliothek bezieht, die Verbindung zwischen Menschen- und Wassergeister-Welt herstellt und zur Feierabendzeit Besucher aus dem Museum scheucht. Auch den Prinzen, der von Rusalka fasziniert ist, was auf Gegenseitigkeit beruht: Die Nixe strebt nach Menschengestalt, was wiederum den Wassermann, im Morgenmantel aus dem Keller kommend, auf die Palme bringt, der zuvor von den wie Schulmädchen anmutenden Waldelfen (Kateryna Kasper, Elizabeth Reiter und Marta Herman haben stimmlich „Rheintöchter“-Format) kräftig gefoppt worden war. Mischa Schelomianski zahlt mit barer Münze heim, ein ausdrucksstarker Bass, dessen „Wehe, wehe“ selbst auf Tschechisch (deutsche Übertitel) noch im Ohr ist. Da wahrt denn auch der niederländische Regisseur die gewisse ironische Distanz.

Am liebsten an den schönen Stellen einer Dvorak-Musik, die mit Leitthemen jongliert, wie sie die Wasserwesen in impressionistisches Licht taucht und in Menschen-Sphären sogar ein robustes Tänzchen wagt. Dirigent Weigle ist zwischen hoher Empfindsamkeit und heftiger Gefühlswallung keineswegs prüde, kann sich auf elastische Bläser und eine vielbeschäftigte Harfenistin verlassen.

Spannend wird es, wenn Regisseur Lucassen näher an seine Figuren heranrückt, vor allem beim Ringen um Rusalka. Die Hexe hat ihrem Wunsch entsprechend die Schuppen ihres Fischkleids abgeschnitten und ihr so Beine gemacht in Richtung Hof, wo sie der Prinz heiraten will, der allerdings vor ihrer kühlen Leidenschaft in die Arme einer anderen flieht. Tanja Ariane Baumgartner gibt diese fremde Fürstin als stimmlich großartige Salonschlange. Es ist sein Todesurteil. Während Rusalka fortan als Irrlicht Menschen ins Verderben locken muss.

Ob nun Nixe oder in Menschengestalt, Amanda Majeski dominiert das Geschehen. Mit einem Sopran der Spitzentöne mühelos stemmt, anrührend beim Gebet an den Mond wie im tiefen Leid. Als zentrale Gegenspielerin Jezibaba ist Katharina Magieras hochemotionaler Alt ungemein präsent. Als Prinz sorgt der Ungar Zoltan Nyari für italienische Momente, ein kerniger Tenor, der indes für Spitzentöne zuweilen einen kleinen Anlauf benötigt. Als Jäger und Küchenjunge, hier freilich Restauratoren an einem übermächtigen Wal-Skelett, bringen Simon Bailey und Britta Stallmeister Buffo-Charme ein. Ob Nixen-Schwestern oder feierwütige Gesellschaft, der wie immer wohltemperierte Opernchor (Matthias Köhler) ist darstellerisch eine Macht. Etwa wenn Rusalkas Zauber wirkt und die Szene einfrieren lässt. Mit dem Todeskuss – eher ein Todestanz – erstarrt auch die Inszenierung in großen Posen. Am Ende steht das „Irrlicht“ Rusalka auf dem Hintergrund-Podest in gleißender Helligkeit. Und Frankfurt hat eine Oper gewonnen, die selbst zum anspruchsvolleren Weihnachtsmärchen taugt.

Quelle: op-online.de

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