Archivar der Steine

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Stolzer Preisträger: Der Offenbacher HfG-Absolvent Kai Linke gewann Anfang des Jahres den Wettbewerb des Rotary-Clubs.

Kai Linke wandelt unbeirrt auf dem Grat zwischen Produktgestaltung und Kunst. Und schert sich nicht darum, ob er als Künstler oder als Designer gesehen wird. Von Martha Schmidt

Er macht einfach sein Ding. Und das sind vor allem Stühle. Der 30-jährige gebürtige Offenbacher hat Anfang des Jahres den vom Rotary-Club Offenbach ausgelobten Wettbewerb für eine Senefelderskulptur im Büsingpark gewonnen. Und er macht auch Stühle – wobei das schon falsch beschrieben ist. Denn er macht sie nicht, sondern lässt die Stühle sich selbst gestalten. Wie den Bronzehocker, seine Diplomarbeit zum Abschluss seines Studiums der Produktgestaltung an der Hochschule für Gestaltung (HfG) im April 2008.

Ideale Sitzposition

Damit sich das Material selbst gestalten konnte, hat er zunächst die Filzform eines Hockers geschneidert. Diese Hülle hat er mit Beton ausgegossen. Der Beton ergoss sich in die vier Beine und schließlich in die Sitzfläche. Und dann passierte das, was passieren musste: Die Filzbeinchen knickten unter ihrem eigenen Gewicht ein, die plane Sitzfläche verwandelte sich in eine Hügellandschaft. Linke entfernte den Filzmantel – und es war immer noch ein Hocker, ein ungewöhnlicher allerdings. Von diesem Betonmodell nahm Linke die Negativform aus Silikon ab, die danach mit Bronze ausgegossen wurde. Fertig war der Bronzehocker. Linke hat auf der Hügellandschaft dieses selbstgestalteten Hockers seine „ideale Sitzposition“ gefunden. Doch er stellt klar: „Das ist definitiv nicht der klassische Weg, einen Stuhl zu bauen.“

Der Wurzelstuhl

Seine neuen Stuhlprojekte sind noch eigenwilliger in der Herstellung. Getreu seinem Prinzip „Das Material selbst in die Form lenken“ experimentiert Linke zurzeit mit Wurzelstühlen. Dafür baut er einen speziellen Blumentopf in der Form eines Stuhls und pflanzt einen Bambus hinein. Dieser lässt seine Wurzeln in die Stuhlform wachsen.

Linke hat das Verfahren des Wurzelstuhls zuvor an Hyazinthen und Gräsern ausprobiert und, wie er zufrieden feststellt, „interessante Erkenntnisse über Wurzelwachstum gewonnen“. In einigen Jahren müsste der Bambus den stuhlförmigen Blumentopf komplett durchwurzelt haben. Und dann ist der erste Wurzelstuhl fertig.

Industrielle Fertigungsverfahren sehen anders aus, das weiß der diplomierte Produktdesigner nur zu gut. Der erste Wurzelstuhl ist ein Unikat und geht ganz klar als Kunstwerk durch. Aber der Künstler spekuliert dennoch darauf, seine Stuhlobjekte irgendwann in Serie zu produzieren.

Denkmal für die Stadt Offenbach

Gerade hat Linke ein Denkmal für die Stadt Offenbach gemacht. Es ist das Denkmal für Alois Senefelder, den Erfinder der Lithografie. Von Offenbach aus ist dieses von Senefelder entwickelte Druckverfahren in die Welt verbreitet worden. Lithografie ist das erste Flachdruckverfahren der Welt gewesen, mit dem unter anderem Noten und Bildmotive vervielfältigt werden konnten.

Die Motive wurden seitenverkehrt auf Steine gemalt, auf Solnhofer Kalkplatten. Von diesen Druckvorlagen konnten Abdrucke in hoher Stückzahl gemacht werden. Eine drucktechnische Revolution, die unter anderem die Werke Mozarts von Offenbach aus in der Welt populär machten. Mozart gehörte zu den ersten Komponisten, dessen Noten durch den Musikverlag André per Lithografie vervielfältigt und weltweit verkauft wurden.

Das Stadtarchiv beherbergt etliche alte Lithosteine, die in Hochlastregalen archiviert sind. Kai Linke nahm sich für das Senefelderdenkmal diese Lithografie-Archive zum Vorbild. Damit das Denkmal witterungsbeständig ist, produzierte er 180 Lithosteine aus Beton und setzte sie, allerdings ohne Regalböden, zu einer drei Meter hohen und zwei Meter langen Wand zusammen. Sein Denkmal gibt einen Eindruck von den mächtigen Lithosteinen, wie sie zu Hunderten in Offenbach lagern. Am Samstag, 4. Dezember, soll es um 10.30 Uhr im Büsingpark feierlich enthüllt werden.

Quelle: op-online.de

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